Big Mike am 11.11. im Roxy - die Meßlatte liegt hoch

Letztens bekam ich in der Bahn ein Gespräch mit, bei dem sich ein Typ und drei Frauen (Alter ca. 30-40 Jahren, gut gekleidet, gepflegte Sprache) angeregt darüber unterhielten, wo sie denn nun Karneval feiern gehen würden. Bei der Wahl des Veedels waren sie sich nicht ganz einig, aber der Auftritt von Big Mike in der „Wohngemeinschaft“ sei absolute Pflicht, meinte der Typ. „Was macht denn der Big Ballermike überhaupt für Musik?“, fragte eine der Frauen. „Das wirst du sehen. Das geht jedes mal so ab, das kannst du dir nicht vorstellen. Da müssen wir auf jeden Fall hin“, meinte der Typ. 

September 2014, Museum am Zülpicher Platz. Ich sollte auf der Veranstaltung von „I love Kölle“ fotografieren, die ein Kumpel von mir veranstaltete. Die in Köln und Umgebung, aber vor allem im Kölner Karneval bekannten Stefan Knittler und Hanak („Haifischzahn“ wird jedem Karnevalisten ein Begriff sein) sollten auftreten und dann noch einer, den ich nicht kannte - „Big Ballermike“ war sein Name. Zu diesem Zeitpunkt kannten Big Mike nur die wenigsten in Köln, er war ein Held diverser Ultra-Gruppierungen des FC, die seinen Track „Wat sull der Quatsch“ rauf und runter hörten und überall sangen, ob bei Fahrten ins Stadion, zu Auswärtsspielen oder in Kneipen. Big Mike war letzter Act und während es bei Knittler und Hanak unerwartet noch gemächlich zuging, platzte vor dem Auftritt von Big Mike der Laden aus allen Nähten, wohlgemerkt auf zwei Etagen. Der Laden bebte schon bevor Mike überhaupt die Bühne betrat - Männeranteil 98 %, das Who is who der Kölner Ultra-Szene vor Ort. Was dann passierte war etwas, was ich so noch nicht erlebt hatte. Als Mike und Gianni La Bamba auf der Bühne auftauchten, brachen alle Dämme, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Masse vor der Bühne bewegte sich wie eine Welle hin und her, das Drängelgitter vor der Bühne wurde nach kürzester Zeit niedergemäht, die Leute lagen jubelnd und „Wat sull der Quatsch“-grölend in drei Reihen übereinander, vor ihnen der grinsende Mike und Gianni am Keyboard. Auf der Balustrade über ihnen tobte eine weitere ausgeflippte Meute, die die Kollegen unten mit Bier begossen. So ging es ab der ersten bis zur letzten Minute. Der sichtlich schockierte Betreiber beschloss irgendwann verzweifelt, sich dem Ganzen entgegenzustellen, indem er den Versuch wagte, das Drängelgitter vor der Bühne alleine festzuhalten, was logischerweise zum scheitern verurteilt war. Die Menge war nicht zu halten. Diese entfesselte und unbeherrschte Energie zu sehen und vor allem auf Bildern festzuhalten war unglaublich. Nach diesem epischen Abend beschloss ich, an der Sache dran zu bleiben. 

Drei Jahre später, Roxy, 11.11.2017. In drei Jahren ist viel passiert. Mittlerweile ist der Name Big Ballermike in Köln in aller Munde, das Publikum inzwischen gut durchgemischt, der Frauenanteil ist deutlich gestiegen. Ich selbst habe inzwischen zahlreiche Auftritte von Mike und Gianni in allen möglichen Klubs Kölns fotografiert. Dabei gab es keinen einzigen Abend, der lahm war. Aber von all den Auftritten war der epische Abend im Museum für mich persönlich unübertroffen. Nun stand ich mit meiner Kamera und wartete auf eine weitere energiegeladene Performance. Doch schon sehr schnell wurde klar, dass es kein gewöhnlicher Auftritt werden würde - ich fühlte mich zurückversetzt an den besagten Abend im Jahr 2014. Der Laden war wieder brechend voll und die Leute bereit für den Ausnahmezustand. Das Drängelgitter war, wie auch damals, nach kürzester Zeit in der Menge verschwunden, die Menschenmasse drängte von hinten auf die winzige Bühne, der auch das DJ-Pult dahinter nicht stand halten konnte und mehrmals mit dem ganzen Equipment fast umgekippt wäre. Der Auftritt stand kurz vor dem Abbruch und das schon nach dem ersten performten Song. Vor jedem weiteren Track musste Mike nun die Menge beschwichtigen und einige Schritte nach hinten schicken, damit es überhaupt weiter gehen konnte. Nur Dank mehrerer Securities, die zur Bühne geeilt waren und das Drängelgitter festhielten sowie einiger durchtrainierter Jungs, die sich bereit erklärten, Wellenbrecher zu spielen, konnte der Auftritt fortgesetzt und zu Ende gebracht werden. Wie sagte Mike nach diesem Abend - "Die Meßlatte liegt jetzt sehr hoch!". Mal schauen wann sie übertroffen wird. Bald ist wieder Karneval...

Bilder von Mikes Auftritten der letzten Jahre findet ihr übrigens hier