Nominiert für den Blooom Award. Mit dem Projekt "Face the Euro" auf der Art.Fair in Köln

"Face the Euro" ist ein Projekt, das sich mit der Relation zwischen Mensch und Geld in unserer Gesellschaft beschäftigt. Während einer "Performance" werden Menschen fotografiert und ihre Portraits auf echte 5-Euro-Banknoten gedruckt, die dann einer immer weiter wachsenden Installation hinzugefügt werden. Die Idee zu dem Projekt entstand 2011 in Zusammenarbeit mit meinem guten Freund Sebastian Hennig, als es in Europa wegen der Griechenlandkrise drunter und drüber ging. Mittlerweile haben 460 Menschen bei sieben Stationen an der Aktion partizipiert. Dieser Blogbeitrag erzählt über unsere zweite Station auf der Art.Fair in Köln. 2012 bewarben wir uns mit dem Projekt beim "Blooom Award by Warsteiner", einem Wettbewerb für junge Künstler, der jedes Jahr auf der Art.Fair verliehen wird. Wir schafften es in die Top 10 und durften fünf Tage auf der Kunstmesse ausstellen. Ein Bericht.

Der Anruf riss mich aus dem absoluten Tiefschlaf. Zu der Zeit hatte ich nachts noch in einem Kölner Club gearbeitet und vielleicht zwei Stunden geschlafen. „Hallo hier ist Sebastian vom Blooom Award, spreche ich mit Daniel Zakharov?", fragte die Stimme am andere Ende der Leitung sichtlich verstört. Erst da war mir aufgefallen, dass ich geweckt aus dem Delirium und nicht realisierend wo ich überhaupt bin, mich mit dem Namen meines Arbeitgebers aus der Gastronomie gemeldet hatte. „Ich möchte dir die frohe Botschaft verkünden, dass die Jury dich und Sebastian für den Blooom Award nominiert hat. Ihr seid dabei!“. Innerhalb von einer Sekunde war ich wieder unter den Lebenden. Ich konnte es nicht fassen, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, aus über 1000 Bewerbungen, die von Künstlern aus aller Welt kamen, ausgewählt zu werden und unter die Top 10 zu kommen. Wir bekamen eine einmalige Gelegenheit Face the Euro fünf Tage lang auf der Art.Fair (mittlerweile "Art Düsseldorf") einem internationalen Publikum präsentieren zu können. Was für eine Chance, dachte ich mir. Nach dem Heimspiel für Sebastian in Düsseldorf nun ein Heimspiel für mich in Köln - ein perfekter Start für dieses Projekt, das aus einer Köln-Düsseldorfer Freundschaft hervorgegangen ist. 

Ich muss gestehen, so richtig vorbereitet waren wir nicht darauf. Wir hatten uns beworben, ohne wirklich damit zu rechnen, dass wir so weit kommen. Nach der ersten Station in Düsseldorf hatten wir nichts weiter als 50 bedruckte 5-Euro-Scheine. Wie diese in einem großen Rahmen an der Wand präsentiert werden sollen, hatten wir uns bis dahin nicht wirklich überlegt. Auf Sebastian und mich wartete eine Menge Arbeit.

Zunächst überlegten wir uns, wie wir die Banknoten überhaupt präsentieren wollen. Es gab mehrere Ideen, doch letztendlich entschieden wir uns für eine Variante, bei der die Arbeit immer mobil bleibt und ohne Probleme immer wieder erweitert werden kann - die Scheine sollten auf weiße Forexplatten geklebt werden. Dabei wählten wir für jede einzelne Platte eine Größe von 600x868 cm, die exakt einer Fläche von siebzig 5-Euro-Banknoten entsprach. Der Vorteil war, dass wir durch diese Variante immer flexibel blieben und die Platten an jeden Raum anpassen konnten, indem wir in der Lage waren sie frei anzuordnen. Wir konnten überhaupt nicht abschätzen, wie viele Leute auf der Art.Fair in fünf Tagen bei unserer Aktion mitmachen würden. Die alten Fragen kamen wieder hoch: Wie viele Leute werden überhaupt die Lust dazu haben, einen ihrer 5-Euro-Scheine für die Aktion abzugeben? Und zweitens: Wie viele werden die Hemmung überwinden sich auf Geld drucken zu lassen? Es war sehr schwer vorauszuahnen, wie sich die Situation entwickeln würde. Wir beschlossen aber auf Nummer sicher zu gehen und uns sechs Platten zu besorgen. Mit den vorhandenen 50 Scheinen blieben dann also noch 370 freie Plätze für die Art.Fair. Das sollte in jedem Fall reichen, selbst wenn es sehr voll werden würde. 

Mein Originalportrait und der bedruckte Schein. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Doch mit dem Kauf der Platten war es nicht getan. Damit die Scheine auch gut darauf halten, musste die glatte Oberfläche zunächst mit Schmirgelpapier ordentlich angeraut werden, außerdem für jeden einzelnen Schein die exakte Position mit einem kleinen Kreuz eingeritzt werden. Macht für 6 Platten - 540 Kreuze. Eine ziemlich aufwendige Angelegenheit. Weitere Punkte auf der Agenda: Internetseite bauen, Infobroschüren gestalten und produzieren, ebenso Visitenkarten. Wir wollten maximal vorbereitet sein. Einer der wichtigsten Punkte war auch die Formulierung einer Einverständniserklärung, die wir in tausendfacher Ausführung drucken ließen. Denn ohne die schriftliche Genehmigung jedes Teilnehmers, sein Portrait für die Installation verwenden zu können, hätten wir ziemlich schnell Probleme bekommen können. Das lernt man als Fotograf sehr schnell.

Die Monate der Vorbereitung vergingen wie im Flug. So schnell konnte ich gar nicht gucken, da saßen wir schon im vollgepackten Wagen auf dem Weg zum Stapelhaus. Das Auto von Sebastians Vater, der sich netterweise bereit erklärte uns zur Messe zu transportieren, war beladen bis unter die Decke - die Kiste mit unserer Arbeit, 2 Drucker, 1 Scanner, die ganze Kameratechnik, 2 Laptops, Tüten und Taschen mit Sprühkleber, Verlängerungskabeln, Schreibzeug, Broschüren, Akkuschrauber, Dübel etc. Auf der Art.Fair herrschte schon ein reges Treiben. Überall wurde gewerkelt, gehämmert und geschraubt, Handwerker liefen hektisch hin und her, Galeristen telefonierten mit wichtiger Miene, überall wurden Kunstwerke ausgepackt, positioniert und aufgehangen. Die Finalisten des Blooom Awards hatten einen ziemlich großen Bereich am Ende des rechten Flügels im Stapelhaus bekommen. Es war ein guter Platz, denn wenn sich die Besucher die komplette Messe anschauen wollten, würden sie beim Rundgang automatisch bei uns landen. Der Bereich war optisch komplett in Schwarz gehalten und fiel deshalb auch schnell ins Auge, was ebenfalls von Vorteil war. Außerdem gab es bei uns eine Bar und zwei Sitzecken zum Verweilen - beste Voraussetzungen also, damit sich Menschen dort aufhielten, selbst wenn sie nicht an den Arbeiten unbedeutender junger Künstler interessiert waren. 

Aufbau auf der Art.Fair. Das Konzept mit den Forexplatten gibt uns die Möglichkeit "Face the Euro" an jeden Raum anpassen zu können. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Face the Euro erforderte viel Platz. Denn abgesehen von einer Gesamtlänge von 3,6 m an der Wand brauchten wir noch einen Tisch für die ganze Technik, einen Platz zum Fotografieren und eine Ecke zum Besprühen der Scheine. Die Blooom hatte für alles gesorgt und gab uns einen schönen weiträumigen Platz, wo alles gut unterkam. Da allerdings die Wand nicht die gewünschte Länge hatte, kam unser mobiles Plattenkonzept direkt zum Tragen. Wir trennten die sechs Platten und hängten an zwei benachbarten Wänden jeweils drei zusammen auf.

Den Aufbau hatten wir ziemlich schnell erledigt, es standen aber noch andere Punkte auf dem Programm. Neben der Begrüßung von Art.Fair-Direktor Walter Gehlen sollten die Finalisten noch einzeln für ein Video gefilmt werden, das während der Messe auf einem Monitor laufen sollte. Diejenigen die wissen, wie „gerne“ ich gefilmt werde, können sich vorstellen, wie sehr ich mich darauf freute. Gott sei Dank hatte ich Sebastian an meiner Seite, der mich erlöste und souverän den Hauptpart übernahm. Irgendwas erzählte ich letztendlich dann auch in die Kamera. Es war ok, ich konnte es mir im Nachhinein sogar auf dem Bildschirm anschauen. Es ist wahrscheinlich eine Gewöhnungssache, aber da ich kein Medienprofi bin, hatte ich mich komisch gefühlt auf Knopfdruck etwas Kluges erzählen zu müssen, während man von mehreren Kameras gefilmt und von grellem Licht angestrahlt wird und ein Wischmob am Stock über einem schweben sieht. Ich war jedenfalls froh, als wir das hinter uns gebracht hatten, auch wenn es eine wichtige Angelegenheit war. Das Radiointerview für das WDR war für mich dagegen viel entspannter. Unsere Aktion und das Vorhaben echtes Geld zu bedrucken hatte das Interesse der öffentlich-rechtlichen geweckt. Eine Reporterin meldete sich bei den Organisatoren der Blooom mit der Anfrage ein Interview mit uns aufzunehmen. Das war für uns eine super Sache und ein Hinweis, dass die Arbeit auch medial Interesse weckt. Die Vorbereitungen und der Aufbau waren also geglückt, die Messe konnte endlich beginnen.

Interview für den Blooom Award, das während der Messe auf eine Monitor gezeigt wurde. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Und nun war er da, der große Tag der Eröffnung. Die Aufregung war groß. Erstens hatten wir noch nie die Erfahrung in so einem großen Rahmen auszustellen, zweitens konnten wir weder einschätzen, ob alles gut funktioniert, noch wie die Aktion bei den Leuten ankommt. Und schließlich fand am Abend ja auch noch die Preisverleihung statt, bei der wir auf den ersten Platz hofften. Bei aller Bescheidenheit - natürlich wollten wir gewinnen. Ich bin ja schon sauer, wenn ich bei einem Kartenspiel wie Uno verliere, aber beim Blooom Award zu verlieren - no way. Die Anspannung war dementsprechend hoch. Natürlich hatten wir für diesen Fall vorgesorgt und zwei Flaschen eines vorzüglichen Tropfens mitgebracht. Wir fanden, dass es des Rahmens würdig sei, wenn wir direkt eine Flasche aufmachen und auf diesen aufregenden Tag anstoßen. Und siehe da, der Tag begann richtig gut. Denn kaum waren wir startklar, standen schon einige unserer Finalisten-Kollegen auf der Matte und wollten Teil von Face the Euro werden. Sieben Scheine in den ersten 10 Minuten. So hatten wir uns das vorgestellt, ich war euphorisiert. Doch so schnell die Euphorie aufkam, so schnell war sie auch wieder verflogen, denn in den nächsten 3,5 Stunden passierte - NICHTS. Kein einziger Schein war mehr dazu gekommen. Wir saßen da und beobachteten wie die Leute an uns vorbei liefen. 

Gut, ich muss gestehen, dass - objektiv betrachtet - unsere Arbeit vom Weiten wahrscheinlich auch zunächst wenig beeindruckend aussah. Die Besucher sahen fünf weiße Platten und dann noch eine mit irgendetwas drauf, daneben einen Tisch vollbeladen mit Laptops und Infomaterial und dahinter zwei Kerle, die sie beobachteten. Diejenigen, die sich dann doch zu unserer Arbeit verirrten, verstanden zum Einen nicht, dass man Teil der Aktion werden konnte, zum Anderen, dass da echtes Geld an der Wand hing. Viele zeigten völliges Desinteresse oder schauten uns beim Weggehen mit einem verstörten Lächeln an. Und dann gab es noch diejenigen, die aufgrund der Hängung nur die letzten drei weißen Platten bemerkten und sich dann fasziniert das feine und kaum sichtbare Kreuzmuster anschauten, das ich für die exakte Position jeder Banknote im Vorfeld mit einem Cutter in die Oberfläche eingeritzt hatte. Sie dachten, dass das die Idee der Arbeit war, ohne die bedruckten Scheine überhaupt gesehen zu haben. Die Minuten flogen, die Stunden auch und die mitgebrachten Weinflaschen leerten sich in Rekordzeit.

Neue Teilnehmer für Face the Euro. Rechtes Bild: Alex P, zweitplatzierter beim Blooom Award, lässt sich von mir fotografieren. (Photos: © by Simone van Dam)

Zu unserer Verteidigung muss man allerdings erwähnen, dass es auf der Messe noch nicht sehr voll war, der große Ansturm wurde erst gegen Abend erwartet. Dennoch beschlossen wir irgendwann, etwas gegen dieses Desaster zu unternehmen und für Aufmerksamkeit zu sorgen, indem ich einfach begann Sebastian zu fotografieren. Der Plan funktionierte, denn das Blitzen lenkte sofort Aufmerksamkeit auf uns. Leute blieben stehen und schauten, was denn da geschah. Einige fragten interessiert nach. So kamen wir ins Gespräch und konnten über unser Projekt erzählen. Genau das war für viele der benötigte Augenöffner und Zugang zur Arbeit, deren Idee sich für sie vorher einfach nicht erschloss. Durch die Gespräche hatten die Leute einen ganz anderen Bezug zu uns und zu Face the Euro und wollten dann auch gerne Teil davon werden. Und sobald das passierte, zog es wiederum weiteres Interesse nach sich. Da war er wieder, der Sog der Masse, von dem ich im ersten Blogbeitrag berichtet habe. Der Mensch will eben dazu gehören. Sobald sich einer traute und teilnehmen wollte, wollten es andere auch, weil sie gesehen hatten, dass es schon jemand vorgemacht hatte. Es löste direkt eine Kettenreaktion aus. Außerdem stellten wir fest, dass es einen großen Unterschied machte, wie wir die Leute ansprachen. Der Satz „Wenn Sie möchten, können Sie auch gerne teilnehmen“ weckte Interesse, während bei der Frage „Möchten Sie auch teilnehmen?“ die meisten freundlich lächelnd die Flucht ergriffen. Man lernte dazu.

Gegen Abend wurde es auf der Art Fair dann richtig voll und auch bei uns war Dauerbetrieb, auf den wir uns erstmal einstellen mussten. Die Aufgaben waren klar verteilt. Sebastian nahm die Scheine entgegen, ließ die Teilnehmer das Formular unterschreiben, registrierte die Nummern der Banknoten, scannte sie ein und klebte sie anschließend auf die Platten. Meine Aufgabe war es die Teilnehmer zu fotografieren, die Bilder am Laptop zu bearbeiten und dann den Schein zu bedrucken. Ein stetiger Kreislauf von fotografieren, Bild kopieren, Bild bearbeiten, den Teilnehmer das Formular unterschreiben lassen, Schein bedrucken, Schein scannen, seine Nummer registrieren, Schein auf die Platte kleben und gleichzeitig schon mit dem nächstem Teilnehmer beginnen. Einer der Teilnehmer am ersten Abend war auch Patrice, ein ehemaliger MTV-Moderator, den ich aus dem Fernseher kannte und der später auch die Preisverleihung moderieren sollte. Ein sehr angenehmer und freundlicher Mensch, der sich direkt dazu bereit erklärte, mitzumachen und ein Bild von seinem Schein später auch in den sozialen Medien postete. Wir hatten so viel zu tun, dass ich garnicht bemerkt hatte, wie die Zeit bis zur Preisverleihung verging. Auf einmal wurde unsere Maschinerie abrupt unterbrochen, weil wir schleunigst zur Bühne mussten. Erst da bemerkte ich wie voll es geworden war und wie viele Leute vor der Bühne auf die Preisverleihung warteten.

Die Ruhe vor dem Sturm. Der Bereich der Blooom Award Finalisten vor dem Einlass. Hinten mittig ist Face the Euro zu erkennen. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Dummerweise wussten wir schon, dass der Sieg nicht an uns geht. Jemand hatte sich schon vorher verplappert und der Buschfunk hatte getrommelt, dass Johanna Flammer den ersten Preis gemacht hatte. Blieben also noch der zweite oder der dritte, auf die wir hofften. Obwohl wir in einer großen Menschenmenge standen, nahm ich nicht wirklich wahr, was um mich herum geschah. Ich war wie in einem Tunnel und fokussiert darauf was auf dem Bühne passierte. Patrice moderierte souverän, erzählte etwas über den Blooom Award und interviewte nacheinander die Juroren, die mit den Urkunden und Preisen auf der Bühne standen. Unser Ziel unter die ersten drei zu kommen war allerdings ziemlich schnell ausgeträumt - Alex P machte den zweiten Platz, Mariola Laschet den dritten. Zunächst war ich schon enttäuscht, aber ich gönnte es auch Johanna, Mariola und Alex P. Generell muss ich sagen, dass wir uns mit allen Kollegen super verstanden. Bevor die Sieger aufgerufen wurden, wurden zunächst die restlichen Künstler nacheinander auf die Bühne geholt, vorgestellt und mit einer Urkunde ausgestattet. Also, ab auf die Bühne, Hände schütteln, Urkunde entgegen nehmen, Applaus abholen. Was mich in dem Moment freute war, dass Patrice dem Publikum unsere Arbeit ans Herz legte. Er erzählte, dass er das Projekt sehr cool fand, selbst schon teilgenommen hatte und rief anschließend alle dazu auf nach der Preisverleihung ebenfalls bei Face the Euro vorbeizuschauen. Insgesamt empfand ich die ganze Verleihung so surreal, dass sie sich für mich bis heute wie eine Traumsequenz anfühlt. Es war seltsam auf dieser Bühne zu stehen, Kameras und Scheinwerfer auf einen gerichtet zu haben und davor mehrere Hundert, wenn nicht über Tausend Menschen zu sehen. Ein Gruppenfoto, Applaus und schon stand ich wieder vor unserer Arbeit und bedruckte 5 Euro Scheine. Die ganze Anspannung war abgefallen. Der Tag endete auf der Eröffnungsfeier zwischen Künstlern, Sammlern und der Lokalprominenz, bei elektronischer Musik und Longdrinks.

Die nächsten Tage verliefen großartig. Unser Tag begann immer morgens an der Bar der Art.Fair. Zum Einen mussten wir uns neue 5 Euro Scheine wechseln lassen, zum Anderen natürlich etwas zu Trinken besorgen. Da dort der Weißwein am besten schmeckte, sahen wir es auch nicht ein, etwas anderes zu bestellen. Die ersten Tage kassierten wir von der Bardame aufgrund der frühen Uhrzeit verdutzte Blicke. Nach zwei Tagen kannte sie uns dann aber bestens und wusste auch wie der Hase läuft. 

Im Schnitt hatten wir etwa 30 Teilnehmer pro Tag. Es war unglaublich spannend und angenehm die Reaktionen der Leute wahrzunehmen, mit ihnen zu sprechen, ihre Gedanken zu Face the Euro, zur Kunst, Europa oder dem Euro zu hören. Wir machten viele interessante Bekanntschaften und führten wahnsinnig spannende Gespräche mit Leuten aus aller Welt. Eins der Highlights war definitiv die Bekanntschaft mit Hans Jürgen Kuhl. Ehrlicherweise sagte mir sein Name vorher nichts, aber eine Besucherin machte uns auf ihn aufmerksam, als er gerade vor unserer Arbeit stand: „Den müssen Sie fotografieren! Wissen Sie wer das ist? Das ist Hans Jürgen Kuhl, der bekannteste und beste Geldfälscher Deutschlands.“ Wir kamen ins Gespräch. Hans Jürgen Kuhl ist Künstler und machte in den 60er Jahren ein Vermögen als Modedesigner. In dieser Zeit, als Köln auch das „Chicago am Rhein“ genannt wurde, war er unter dem Namen "de Duv" eine Erscheinung im kölschen Millieu. Aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten beschloss er 2006 auf einen Deal einzugehen und Dollarscheine im Wert von 16,5 Millionen Dollar zu fälschen. Der Deal scheiterte, die produzierten Blüten landeten geschreddert in Säcken auf der Müllkippe und wurden dort entdeckt. Hans Jürgen Kuhl wurde von den Ermittlern ausfindig gemacht und zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er vier absitzen musste. Später sagte das FBI, dass es mit die besten Blüten waren, die sie je gesehen hatten. In diesem Zusammenhang gilt Herr Kuhl als der beste Dollarfälscher nach Kim Jong Il. Eine faszinierende Geschichte. Wir unterhielten uns und stellten ihm unser Projekt vor. Im Bezug auf die Euro-Banknoten erzählte uns Herr Kuhl, dass sie von einer sehr schlechten Qualität seien. Als wir ihm einen 5er in die Hand gaben, merkte man sofort, dass der Mann genau verstand wovon er redete. Er ging auf die spezifischen Eigenschaften der Banknote ein, auf das Papier, auf die Sicherheitsmerkmale. Wenn er sich diesen Schein anschaue, müsse er immer wieder feststellen wie schlecht er gemacht sei und dass es kein großer Aufwand wäre ihn zu fälschen, erklärte er uns. Er würde allerdings jetzt die Finger davon lassen. Umso mehr freute es uns, dass er bereit war, sein Portrait auf einen Fünfer für Face the Euro drucken zu lassen. 

Pro Tag kamen im Durchschnitt etwa 30 neue Scheine hinzu. 1. Bild: Face the Euro vor Beginn der Messe - 2. Bild: Zwischenstand nach zwei Tagen. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Insgesamt nahmen die Leute unser Projekt sehr positiv an, auch wenn es mit Sicherheit einige gab, die damit wenig anfangen konnten. Die Platten füllten sich von Tag zu Tag. Selbst Leute die zunächst eher zurückhaltend waren, hatten am Ende oft teilgenommen. Des Öfteren hatten sich Besuchter länger mit uns unterhalten, aber auf eine Teilnahme verzichtet, um dann später wieder zu kommen und uns mitzuteilen, dass die Arbeit sie nicht losgelassen hat und sie sich entschieden hatten doch teilzunehmen. Ich kann mich an einen Mann erinnern, mit dem wir uns bestimmt 30 Minuten unterhielten. Es war ein toller und offener Austausch über Geld, die Gesellschaft und Europa. Er äußerte sich sehr kritisch über das Konstrukt der Europäischen Union und den Euro an sich, fand unsere Arbeit aber dennoch spannend. Teilnehmen wollte er aber nicht. Kurze Zeit nach unserem Gespräch stand er aber wieder vor uns und sagte uns, dass er sich doch anders entschieden habe, weil unsere Arbeit eben keine Euro-Kampagne ist, sondern wichtige Themen und Fragen aufwirft. Genau dieser Austausch, der zwischen uns und vielen Menschen entstanden ist, war das wertvolle in diesen Tagen. Und es war genau das, was wir uns im Vorfeld erhofft hatten. 

Etwas anders war es dagegen mit einer hübschen Japanerin, die sich lange vor unserer Arbeit aufhielt, sich alles genau anschaute, aber irgendwann dennoch verschwand, ohne teilgenommen zu haben. Etwas später suchte uns ihr deutscher Freund auf, um zu fragen, ob die Arbeit nur für Europäer sei. Seine Freundin würde so gerne teilnehmen, sei sich aber sicher gewesen, dass nur Bürger der EU teilnahmeberechtigt wären. Natürlich war das nicht der Fall und sie wurde ebenfalls ein Teil von Face the Euro.

Was ich im Vorfeld nicht erwartet hatte und recht witzig fand, war die relativ hohe Teilnehmerzahl von Kindern. Für sie war es eine spannende Angelegenheit zum Kunstwerk zu werden und so wurden die Eltern lange genug bequatscht, bis sie einen 5-Euro-Schein rausrückten. Häufiger war es aber genau umgekehrt - die Eltern wollten ihre Sprösslinge als Teil eines Kunstwerks sehen. Amüsiert hat mich auch immer wieder die Tatsache, dass Leute uns darauf hingewiesen haben, dass sie mehr wert seien als fünf Euro und sich nur auf einem 500er drucken lassen würden. „Sie sind also nur 500 Euro wert?“, fragten wir dann und hinterließen meistens nachdenkliche Gesichter. Ein älterer Herr wollte sogar konkret, dass wir seine Frau auf einen 50 Euro Schein drucken. Der Fünfer wäre für sie ein zu kleiner Wert. Ein 50er schien ein passender Betrag für die Ehefrau zu sein. Wir lehnten dennoch ab.

Am Arbeitsplatz. (photo: © by Saeed Foroghi)

Interessant war auch zu beobachten, wie unterschiedlich die verschiedenen Nationalitäten auf die Arbeit reagierten. Beim deutschen Publikum spürte man zunächst oft eine generelle Vorsicht und auch eine Angst vor dem Gesetzesbruch. Die Frage „Was sagt denn die Bundesbank dazu?“ oder der Hinweis „das ist aber illegal“, hörten wir jeden Tag x-Mal. Die Niederländer dagegen zückten sehr schnell und ohne Bedenken ihre 5 Euro Scheine, um teilnehmen zu können. Dasselbe galt auch für die Franzosen. Für sie hatte unsere Aktion etwas von Revolution und das gefiel ihnen sichtlich gut. Da merkte man doch eine völlig andere Mentalität. Eine Französin sagte uns im Gespräch, dass sie die Message unserer Arbeit für sehr wichtig erachtet. Die Menschen, auch ihre eigene Nation, hätte zu schnell vergessen, wie es noch vor 70 Jahren in Europa aussah.

Irgendwann mussten wir uns auch mit dem Verkaufen auseinandersetzen. Eine Art Fair ist schließlich ein Ort, wo Kunst gekauft und verkauft wird. Immer wieder wollten Teilnehmer einen eigenen Schein mit nach Hause nehmen. Zunächst kam das für uns nicht in Frage, aber nachdem immer häufiger nachgefragt wurde, beschlossen wir die Möglichkeit anzubieten, einen zweiten Schein signiert mit nach Hause nehmen zu können. Voraussetzung war aber, dass man an der Aktion teilgenommen hatte, schließlich waren wir keine Kirmesbude, bei der man sich ein Souvenir mit dem eigenen Bild bedrucken konnte. Es war ganz amüsant zu beobachten, wie unterschiedlich die Leute darauf reagierten. Einige holten ohne mit der Wimper zu zucken die 50er aus der Tasche, andere wiederum lachten uns aus und sagten: „Ihr könnt doch nicht 5 Euro für 50 verkaufen“. „Genau das können wir, weil der Schein mit ihrem einzigartigen Gesicht veredelt und aufgewertet wurde und somit kein normaler 5 Euro Schein mehr ist“, entgegneten wir dann immer wieder. Der Schein war nun ein Kunstwerk und hatte dementsprechend einen anderen Wert. Einige sahen aber immer noch den tatsächlichen Wert und konnten sich damit natürlich nicht anfreunden. Eine interessante Erfahrung über die Wahrnehmung und die Wertigkeit von Kunst und Geld oder besser gesagt die Transformation von Geld zu Kunst und umgekehrt. 

Am letzten Tag fehlten uns 36 Scheine, um genau die Hälfte unserer Fläche zu füllen - genau drei Platten. Nach vier Tagen Messe waren wir ziemlich platt, wollten dieses Ziel aber noch unbedingt erreichen. Einige unserer Kollegen fieberten mit uns richtig mit. Sie quatschten überall Leute an und schickten sie zu uns an den Stand. Zehn Minuten vor Ende waren die letzten zwei leeren Plätze tatsächlich gefüllt. 161 Menschen hatten bei unserer Aktion in fünf Tagen mitgemacht. Wir waren zufrieden und glücklich. Die Art.Fair war für uns eine wahnsinnig tolle Erfahrung und gleichzeitig auch ein großer Fortschritt für Face the Euro. Die vielen interessanten Begegnungen, Bekanntschaften und Gespräche gaben uns richtig viel Energie, mit der Arbeit weiter zu machen. Von solchen Ereignissen zehrt man noch Wochen und Monate. Und sehr bald sollte unsere Reise weiter gehen. Denn der Blooom Award hatte noch einen weiteren positiven Impuls für Face the Euro - es öffnete sich für uns eine Tür nach Holland... 

Links:
1. Einen Bericht über die Enstehung von "Face the Euro" findet ihr hier
2. Allgemeine Informationen zum Projekt gibt es hier. 
3. Link zur offiziellen "Face the Euro"-Website - www.facetheeuro.eu

Am letzten Tag schafften wir es tatsächlich drei Platten vollzumachen. (© Daniel Zakharov / Face the Euro)

Weitere Bilder von der Art.Fair (eine Auswahl)