Dem Euro ein Gesicht geben - der Beginn von "Face the Euro" 

"Face the Euro" ist ein Projekt, das sich mit der Relation zwischen Mensch und Geld in unserer Gesellschaft beschäftigt. Während einer "Performance" werden Menschen fotografiert und ihre Portraits auf echte 5-Euro-Banknoten gedruckt, die dann einer immer weiter wachsenden Installation hinzugefügt werden. Die Idee zu dem Projekt entstand 2011 in Zusammenarbeit mit meinem guten Freund Sebastian Hennig, als es in Europa wegen der Griechenlandkrise drunter und drüber ging. Mittlerweile haben 460 Menschen bei sieben Stationen an der Aktion partizipiert. Dieser Blogbeitrag erzählt über die Enstehung der Arbeit und die erste Station an der FH Düsseldorf.  

Die belebende Frische der Rheinluft, eine aufgewärmte Freundschaft zwischen Köln und Düsseldorf, sowie eine für diese Region skandalöse Geschmackskombination aus Kölsch und Alt, kombiniert mit einer gehörigen Portion Finanzkrise und einer bitteren Prise Weltuntergang - das sind vereinfacht gesagt die Zutaten von "Face the Euro". Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber das Projekt ist tatsächlich das Produkt einer Köln-Düsseldorfer Freundschaft. Es ist entstanden in den Köpfen eines gebürtigen Kölners, der fast sein ganzes Leben in Düsseldorf verbracht hatte und eines „eingebürgerten“ Kölners, der aus Köln nach Düsseldorf pendelte, um eben mit diesem Köln-Düsseldorfer zusammenzuarbeiten. Da soll noch einer sagen, die beiden Städte können nicht miteinander. 

Sebastian und ich hatten uns im Studium an der FH Düsseldorf kennengelernt. Nachdem ich aber gemerkt hatte, dass Kommunikationsdesign einfach nicht meine Welt ist und mich irgendwann als Fotograf selbstständig machte, hatten wir uns etwas aus den Augen verloren. Ich wohnte in Köln, er in Düsseldorf, jeder hatte seinen Alltag. Doch der Kontakt ist nie ganz abgerissen und so beschlossen wir einige Jahre später, nach einer durchzechten Nacht in Köln, uns regelmäßig zu treffen und auszutauschen, vielleicht sogar ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Gesagt - getan. Wir begannen uns jeden Mittwoch in Düsseldorf zu treffen und uns über das Leben, unsere Ziele, Ideen, die Kunst, Design und was sonst so in der Welt passierte, auszutauschen. Meistens gingen wir ans Rheinufer, schauten auf die Strömung, die vorbeifahrenden Schiffe und genossen dabei die wunderbar unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Kölsch und Alt. Eine kreative und inspirierende Idylle, die allerdings permanent durch die lauten Nebengeräusche der Europäischen Finanzkrise gestört wurde. Denn das einzige, worum es in dieser Zeit ging, war die Griechenlandkrise, welche die Finanzwelt, die EU und somit auch die Weltwirtschaft in eine gewaltige Schieflage gebracht hatte. Wir konnten garnicht anders, als immer wieder auf dieses Thema zurückzukommen. Die Zeitungen und Medien hatten nur ein Thema und überboten sich mit Weltuntergangsszenarien. Experten prophezeiten jeden Tag aufs Neue das rasche Ende des Euros, das Auseinanderbrechen der EU und den daraus resultierende Zusammenbruch der Börsen sowie der gesamten Weltwirtschaft. Der Bankrott Griechenlands, die EZB, Zinsen, Fonds, Anleger, Schulden, Banken, Kredite, Gläubiger, Milliarden - alles drehte sich ums Geld. Der Mensch, das Individuum, war dabei fast schon in Vergessenheit geraten.

Bei der Entwicklung unserer Idee wurde viel experimentiert. Hier bauten wir ein Modell eines Ausstellungsraumes, um zu sehen, wie unsere Arbeit in einem Raum wirken könnte. Eine der Ideen war, sie auf dem Boden zu präsentieren. (© Daniel Zakharov)

Es war schon skurril. Ein kleines Stück Papier, das im Jahr 2000 feierlich eingeführt wurde und symbolisch die unterschiedlichen europäischen Nationen miteinander verbinden sollte, hatte genau das Gegenteil bewirkt - es hatte ganze Völker gegeneinander aufgehetzt und Europa an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht. Aus dem Symbol der Einheit war ein Symbol der Zwietracht geworden. Dabei waren die Euro-Scheine von Robert Karina schon so gestaltet worden, dass sie Brücken schlagen sollten. Sie zeigen nämlich fiktive architektonische Bauwerke aus unterschiedlichen kunstgeschichtlichen Epochen des Kontinents und sollen symbolisch sowohl für den Beginn eines neuen Europas, als auch für die Vision einer gemeinsamen Zukunft stehen. Die auf der Vorderseite der Scheine abgebildeten Fenster und Tore sollen „den Geist der Offenheit und der Zusammenarbeit“ symbolisieren, die auf den Rückseiten abgebildeten Brücken die „Verbundenheit zwischen den Völkern Europas und zwischen Europa und der übrigen Welt“. Auf bekannte Sehenswürdigkeiten, Bauwerke oder Personen wurde bewußt verzichtet, damit sich kein Land benachteiligt fühlt. 

Von dieser schönen Symbolik war im Jahr 2011 nicht mehr viel übrig geblieben. Zwischen den unterschiedlichen Nationen machten sich Ressentiments und gegenseitige Vorwürfe breit. Ängste und düstere Szenarien für die Zukunft wurden geschürt. Viele sehnten sich zurück nach ihrer nationalen Eigenständigkeit und ihrer alten Währung. Und das, obwohl nach Jahrhunderten voller Kriege, Unterwerfung und grausamen Blutvergießen, die europäischen Länder zum ersten Mal den wagemutigen historischen Versuch wagten gemeinsam die Kräfte zu bündeln und sich als ein Kontinent zu sehen, in dem jeder seine unterschiedlichen Stärken einbringen konnte. Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig trägt und unterstütz. Wenn man auf die Geschichte zurückblickt, eine fast schon utopische Idee, die tatsächlich Realität wurde.

Es ist noch nicht so lange her und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Vater meinem Opa Anfang der 90er Jahre Paris zeigen wollte. Aus der Sowjetunion kommend, hatte mein Opa nie vorher die Möglichkeit gehabt, die geschichtsträchtige französische Hauptstadt besuchen zu können. Sie setzten sich also abends in Köln in den Reisebus und machten sich auf nach Paris. Als ich allerdings morgens aufwachte, saßen beide zu meiner großen Überraschung enttäuscht am Frühstückstisch. Der Bus ist an der Grenze zurückgeschickt worden. Heute undenkbar. Man kann sich nur noch dunkel daran erinnern, wie es war, an jeder Grenze Europas kontrolliert zu werden und überall sein Geld wechseln zu müssen. Die jüngere Generation wird sich das generell garnicht mehr vorstellen können. Die Reisefreiheit ist heute absolut selbstverständlich. Man kann von einer Minute auf die andere beschließen, dass man nach Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland oder die Niederlande fahren will und es umgehend umsetzen. 

Wir legten uns auf fünf Farben fest, mit denen die Porträts auf den Banknoten gedruckt werden sollten - Grün, Cyan, Blau, Pink und Rot. Testdrucke mit Sebastians Porträt. (© Daniel Zakharov)

Und doch war Europa in kürzester Zeit an einem Punkt angelangt, an dem das ganze Konstrukt auf der Kippe stand. Wie konnte es so schnell dazu kommen? Lag wirklich alles nur am Geld, an diesem kleinen Stück Papier? Hat es wirklich so viel Macht, dass es einen ganzen Kontinent in die Krise stürzen kann? Welchen Stellenwert hat es eigentlich in unserer Gesellschaft und welchen der Mensch im Vergleich dazu? Sebastian und ich wollten uns dieses Medium genauer anschauen und es wurde schnell klar, das wir genau damit arbeiten wollen. Denn es ist wohl das einzige Medium, das alle Menschen irgendwie miteinander verbindet, unabhängig vom sozialen Status, der politischen Ausrichtung oder den eigenen Lebensumständen. Geld geht durch die Hände aller, jeder ist mehr oder weniger davon abhängig, ob man es nun will oder nicht. Aber ist es wirklich so schlecht, wie so oft behauptet wird? Wenn man es nüchtern betrachtet ist es neutral, jede Banknote ist nichts weiter als ein bedrucktes Stück Papier. Es ist ein Träger, eine Projektionsfläche. Denn erst jeder einzelne Mensch lädt es mit seinen Gedanken, Ideen, Wünschen und letztendlich seinem Handeln auf. Erst dadurch bekommt es Gewicht, einen Sinn und einen gewissen Wert, ob nun einen neutralen, einen positiven oder negativen. Geld ist also eher das Spiegelbild eines jeden Einzelnen und wird durch dessen Handeln und Denken aufgeladen. Nehmen wir einen einzelnen Schein in unserem Portemonnaie. Durch wie viele Hände ist er wohl schon gewandert, welche Individuen hatten ihn schon eingesetzt? Welche Ideen und Gedanken wurden damit realisiert, welches Verlangen gestillt? Die Oberfläche und Struktur jedes Scheines erzählt eine völlig andere Geschichte. 

Wie viel Einfluss habe ich also selbst als Individuum auf die Prozesse, die durch das Einsetzen jedes Geldscheins entstehen? Der Gedanke, dass jeder Einzelne, unabhängig davon wie sich die politische oder wirtschaftliche Lage entwickelt, mit seiner Persönlichkeit, seinen Gedanken und Entscheidungen, maßgeblich seine Umwelt und ihre Entwicklung positiv beeinflußen kann, war ein spannender Gedanke. Mit dem Bewusstsein für Eigenverantwortung kann jeder theoretisch einen positiven Beitrag leisten.   

All diese Fragen und Gedanken flossen in die Ausarbeitung von "Face the Euro". Wir beschlossen diesem neutralen Stück Papier eine persönliche, individuelle Note zu verleihen, es mit realen Persönlichkeiten aufzuladen und dadurch zu veredeln - dem Euro ein Gesicht geben. Die Gewichtung sollte in Richtung Individuum und dessen Potenzial gehen und weg von dem neutralen, "kalten" Träger. Der Mensch, das Individuum, seine Handlungsfähigkeit und Eigenverantwortung sollten symbolisch über das Geld gestellt werden. Klar war uns ebenfalls auch sehr schnell, dass es keine Kampagne für oder gegen die EU und den Euro werden sollte. 

Das Containerhäuschen in dem die erste Performance von "Face the Euro" stattfand. FH Düsseldorf, 2012. (© by Daniel Zakharov)

Nach einer langen kreativen Phase, entwickelten wir ein Konzept für unsere Arbeit. „Face the Euro“ sollte sie heißen und eine Mischung aus Installation und Aktion werden. Entstehen sollte sie dabei auf einer Reise durch alle Länder der europäischen Währungsunion. Bei jeder Station würden wir den Leuten die Möglichkeit geben ein Teil unseres Kunstwerks zu werden, indem sie sich von uns fotografieren lassen, eine ihrer Banknoten mit ihrem Porträt bedrucken und sie einer immer weiter wachsenden Installation hinzufügen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, unabhängig von seiner politischen Einstellung gegenüber der EU und unabhängig von seinem sozialen Status, mitmachen zu können und somit ein Kunstwerk mitzuerschaffen, das sowohl für Einheit als auch für Diversität steht. Wichtig dabei waren uns auch die Interaktion und Kommunikation mit den Menschen in anderen Ländern und ihre Ansichten zu den aufgeworfenen Fragen.
Die Idee stand, aber nun mussten wir ins Detail gehen und zunächst zahlreiche Fragen klären - Wie groß soll die Arbeit werden? Wie bedruckt man überhaupt so einen Schein? Darf man überhaupt Geld bedrucken? Welchen Schein nehmen wir? Welche Tinte und Farbe sieht auf dem Schein am besten aus? Welche Größe des Portraits war ideal? Wie muss das Porträt aussehen, damit es gut auf dem Schein aussieht? Wie muss es technisch fotografiert werden? Fragen über Fragen. Um die Antworten zu finden, mussten wir viel testen und ausprobieren. 

Unser Vorhaben stellte uns zunächst vor einige Herausforderungen, die nicht nur technischer Natur waren, sondern auch psychologischer. Denn schnell wurde uns bewußt, dass Geld einen gewissen Nimbus der Unantastbarkeit hat. Es zu verändern und damit künstlerisch zu arbeiten, löste automatisch ein gewisses Unbehagen und Hemmungen aus. Es war interessant an seiner eigenen Person festzustellen, was für eine Macht dieses kleine Stück Papier über das eigene Denken hat. Es war ein seltsames und sogar etwas mulmiges Gefühl, die ersten Banknoten auf ein Blatt Papier zu kleben und durch den Drucker zu jagen. Nach einer längeren Testphase und Arbeiten am Konzept, beschlossen wir dann, dass für unsere Arbeit nur die 5-Euro-Banknoten infrage kommen. Sie sind der kleinste gemeinsame Nenner und würden theoretisch jedem Menschen einen Zugang zu unserer Arbeit ermöglichen. Denn je höher die Banknote ausfallen würde, desto höher wäre automatisch die Barriere um teilzunehmen. Dazu fanden wir die optimale Position des Portraits auf dem 5-Euro-Schein und legten uns zunächst auf sechs Farben fest, mit denen gedruckt werden sollte - Grün, Cyan, Blau, Rot, Pink und Gelb (Gelb wurde allerdings schnell wieder gestrichen). Jeder Teilnehmer sollte sich für sein Porträt eine Farbe aussuchen und somit die Farbgebung des Kunstwerks mitbestimmen, was bei unterschiedlichen Stationen später zu interessanten Erkenntnissen führte. Außerdem legten wir uns fest, dass sich jeder so abbilden konnte, wie er sich gerne auf einem Geldschein sehen würde - frontal, von der Seite, mit Sonnenbrille, Grimassen schneidend - alles war erlaubt, wichtig war nur, dass man das Gesicht erkennen konnte. 

Ein frisch bedruckter Schein. (© Daniel Zakharov)

Nach monatelangem Arbeiten und Entwickeln des Projektes fand unser Startschuss im September 2012 im Rahmen des Diplom-Rundgangs an der FH Düsseldorf statt. Sebastian organisierte für unsere erste Performance ein richtiges Container-Häuschen, in dem die erste Aktion statt finden sollte. Wir konnten überhaupt nicht abschätzen wie die Aktion ankommt, ob überhaupt jemand mitmachen würde. Außer einiger Testdrucke hatten wir schließlich nichts vorzuweisen. Psychologie spielt da eine gewisse Rolle, denn der Mensch ist eher dazu geneigt sich einer Sache anzuschließen, wenn er weiß, dass sich schon andere angeschlossen haben.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie angespannt ich war. Wie würden die Leute auf das Bedrucken des Geldes reagieren? Würde überhaupt jemand mitmachen und seinen 5 Euro-Schein abgeben? Würden die Leute die Hemmung überwinden ihr Gesicht auf ein Geldstück drucken zu lassen? Würde gar die Polizei kommen und unsere Atkion beenden? Doch für den Start erwies sich die Fachhochschule als perfekter Ort, da die meisten Leute, die zum Rundgang kamen, sich für Design und Kunst interessierten und somit offen für eine solche Aktion waren. Es hatte zunächst zwar etwas gedauert, bis sich der erste getraut hatte, doch dann kamen immer mehr Besucher. Je mehr vor dem Container passierte und je mehr bedruckte Banknoten an der Scheibe klebten, desto mehr Menschen kamen hinzu, um zu schauen, was denn da vor sich ging. Hinzu kamen natürlich zahlreiche Freunde und Bekannte, die ebenfalls an der Aktion partizipieren wollten. Mit jedem weiteren bedruckten Geldschein löste sich auch die Anspannung. Spätestens als sich ein Polizeibeamter auf einem Schein abdrucken lies und erklärte, dass im Rahmen der Kunst fast alles möglich ist, waren alle Bedenken verflogen. Am Ende des Tages hatten zu unserer Überraschung 48 Leute mitgemacht. Für den Startschuss war es ein großer Erfolg und eine gute Basis, um das Projekt weiter voranzutreiben. Denn das sollte erst der Anfang werden. Wir mussten uns nun überlegen, wie es weiter geht. Und genau das taten wir auch, indem wir uns beim „Blooom Award“ auf der Cologne Art Fair bewarben.

Links:
1. Wie es mit Face the Euro weiter ging, erfahrt ihr hier
2. Mehr zum Projekt hier.
3. Link zur offiziellen "Face the Euro"-Website - www.facetheeuro.eu

Bilder der Performance (eine Auswahl)