"Mit einem guten Kaffee ist es wie mit einer Formel in der Chemie - alles muss stimmen. "

Ein Interview mit Carmelo Bennardo, dem Inhaber des italienischen Kultcafés "Formula Uno".

Italienische Cafés gibt es in Köln unzählig viele. Dabei gibt es aber nur ganz wenige, die einen absoluten Kultstatus genießen und in der ganzen Stadt bekannt sind. Vom Café „Formula Uno“ am Zugweg in der Kölner Südstadt, kann man das getrost behaupten. Geführt wird es von Carmelo Bennardo. Vor 50 Jahren kam der gebürtige Sizilianer mit sechs Jahren als Sohn italienischer Gastarbeiter mit seiner Familie nach Köln und fand in der Südstadt seine neue Heimat. Industriell geprägt und in erster Linie von Arbeiterfamilien bewohnt, war die Südstadt damals auch für eine große italienische Community bekannt. Bis heute bekommt man rund um den Zugweg leicht das Gefühl, in einer italienischen Straße gelandet zu sein. Nicht umsonst nennt man die Gegend auch heute noch „Klein Italien“. Vor 19 Jahren übernahm Carmelo dort ein italienisches Männercafé und machte es nach und nach zu einem der beliebtesten Anziehungspunkte für jedermann im Veedel. Das kleine und auf den ersten Blick eher unscheinbare Café genießt heute den glanzvollen Ruf, den besten Espresso der Stadt zu servieren. Und noch für etwas anderes ist das "Formula Uno" stadtbekannt: Bei großen Fußballturnieren, verwandelt sich die Straße vor dem kleinen Café zum größten Public Viewing für italienische Fans. Ein Hauch von Italien mitten in Köln. An einem Abend im Oktober besuchte ich Carmelo, um mehr über ihn und das "Formula Uno" zu erfahren.

Herr Bennardo, 2018 ist ein Jubiläumsjahr für Sie - vor genau 50 Jahren sind Sie aus Sizilien nach Köln gekommen. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie 1968 mit Ihrer Mutter Ihrem Vater gefolgt sind, der mit vielen anderen Italienern als Gastarbeiter nach Deutschland ausgewandert ist?
Mein Vater war damals schon gute zwei Jahre hier. 1968 gab es im Januar bei uns in Eneida auf Sizilien ein Erdbeben. Dann hat mein Vater gesagt: „Alle nach Deutschland kommen!“. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich am 10. März 1968 um sechs Uhr morgens hier mit dem Zug aus Sizilien angekommen bin.

Was waren die ersten Eindrücke von Köln und Deutschland?
Für mich war das hier alles total neu. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Du bist in einer großen Stadt, überall sind nur große Häuser, es war kalt. Dann erinnere ich mich, dass es nach unserer Ankunft zunächst kurzzeitig richtig warm wurde und dann im April auf einmal der Schnee fiel. Das war das erste Mal, dass ich in meinem Leben Schnee gesehen habe. 

Sie waren beim Umzug sechs Jahre alt. Wie war es für Sie damals die Heimat zu verlassen und in ein unbekanntes Land zu ziehen?
Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, weil ich das nicht richtig verstanden habe. Schließlich war ich damals noch klein, nicht mal 7 Jahre alt. Deshalb habe ich nicht daran gedacht, dass ich jetzt die Heimat verlasse, in ein neues Land gehe, neue Freunde finden muss. Diese Fragen hatte ich nicht im Sinn. 

War es schwer sich in Deutschland mit der neuen Mentalität und der neuen Sprache zurechtzufinden?
Nee, garnicht. Wir haben damals hier um die Ecke in der Darmstädterstr. 119 gewohnt. In dem Haus waren nur Italiener, unter anderem auch einige gleichaltrige Jungs. So hatte ich direkt neue Freunde. Es gab also keine großen Probleme für mich bei der Eingewöhnung.

Auf den ersten Blick eher klein und unscheinbar, genießt das Café "Formula Uno" einen absoluten Kultstatus. (© Daniel Zakharov)

Hier gab es eine große italienische Community, weshalb man die Ecke hier bis heute "Klein Italien" nennt. 
Ja, es gab eine italienische Community in der Südstadt, es gab eine in Ehrenfeld und es gab eine in Kalk. Also da, wo es preisgünstige Wohnungen gab. Untereinander haben wir nur italienisch gesprochen.

Wie war damals das Leben in der Südstadt? Es hat sich ja in den 50 Jahren viel verändert. 
Die ganze Gegend war anders. Es gab sehr viel Industrie hier. Außerdem haben hier sehr viele ganz normale Arbeiterfamilien mit Kindern gelebt. Anfang der 70er hat meine Generation den "Baui" [bekannter Bauspielplatz] im Friedenspark gebaut. Die Stadt Köln kam damals an - "Hier habt ihr einen Hammer, hier habt ihr Nägel, hier habt ihr eine Säge, hier habt ihr einen Lkw voller Holz - bastelt hier mal.“ Wir waren die erste Generation, die da richtig Häuschen und alles Mögliche aus Holz gebaut hat. Ja, es war schon sehr anders, weil es früher nicht die Ganzen, entschuldige das Wort, Korinthenkacker gab, die wir heute hier haben. Die haben selber Ende der 70er beim Stollwerck demonstriert, es damals sogar besetzt und jetzt kommen die mit was weiß ich wie vielen Titeln an und wollen hier nur noch ihre Ruhe haben. Man müsste die mal daran erinnern, wie die Ende der 70er hier selbst die Sau rausgelassen haben. Ja, ja, die Schere geht heute sehr weit auseinander hier in der Südstadt. Von Kollegen höre ich immer wieder von einem Mann, der sich hier für eine hohe Summe eine Wohnung gekauft hat und deswegen jetzt alle in der Straße auf einmal ruhig sein sollen. Das geht nicht! Wir leben hier mitten in der Stadt. Ich kann verstehen, dass man sich aufregt, wenn hier nachts einer Halligalli macht, aber doch nicht schon am frühen Abend. Ruhe, Ruhe, Ruhe - nur weil sich derjenige hier für 400-500.000 eine Wohnung gekauft hat. Jetzt auf einmal will der hier seine Ruhe haben. Ja wo warst du denn die ganzen letzten Jahre? Wenn der seine Ruhe haben will, dann soll er außerhalb von Köln ziehen, aber nicht in die Südstadt, wo sich in jeder Straße ein Lokal befindet. 

Ist die Entwicklung in der Südstadt also eher negativ? 
Jein. Es gibt hier noch sehr, sehr viele nette Gäste, um Gottes willen. Ich kann nicht sagen, dass hier alle schlecht sind. Aber ich sage es mal so: 10-20 Prozent von denen, die neu in die Südstadt kommen, denken, dass sie die Könige sind, weil sie sich hier eine Wohnung gekauft haben. Aber die müssen sich auch mit uns arrangieren, mit all den Lokalen, die hier schon sehr lange existieren.

Was war hier in den Räumlichkeiten drin, als Sie hier aufgewachsen sind?
Ende der 60er bis Anfang der 70er war hier glaube ich ein Gemüseladen drin. Und dann ist hier der Gastronom Franco di Pirra eingezogen. Er war ein alt eingesessener Gastronom in der Südstadt und hat hier ein Café aufgemacht, wo man Kleinigkeiten essen konnte. Das war damals aber eigentlich ein Männercafé. Bis noch vor 19 Jahren war es das, bis ich das übernommen habe. 

Hat den Ruf den besten Espresso der Stadt zu servieren: Carmelo Bennardo in seinem Café "Formula Uno". (© Daniel Zakharov)

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Café zu eröffnen?
Ich hatte keine Lust mehr gehabt auf dieses ewige hin und her. Der Franco hatte hier keinen Bock mehr gehabt und wollte verkaufen. Dann dachte ich mir: Komm übernehme ich das auf gut Glück und siehe da, mittlerweile bin ich hier schon seit 19 Jahren drin.

War es schwer den Laden neu aufzubauen?
Nee, denn ich war zu der Zeit hier in der italienischen Community schon sehr bekannt. Als ich übernommen hatte, war es noch ein italienisches Männercafé, aber dann mit der Zeit habe ich hier innerhalb von ein paar Jahren alles geändert, bis es zu dem Kultcafé geworden ist, das es heute ist.

Es gibt in Köln viele italienische Cafés. Ihr Café genießt allerdings einen absoluten Kultstatus und ist in der ganzen Stadt bekannt. Was ist das Erfolgsgeheimnis des „Formula Uno“?
Keine Ahnung, vielleicht ist es mein Gesicht. (lacht laut) Vielleicht, weil ich ganz lustig bin. Ich bin immer ganz, wie ich bin, und kann mich nicht verstellen. Da könnte selbst die Angie kommen, die Angela Merkel - ich bleibe, wie ich bin. Ich bin lustig, erzähle gerne Witze. Ab und zu klopfe ich auch ein paar Sprüche. Damit meine ich nicht Leute beleidigen. Das um Gottes willen machen wir hier nicht. Eines ist mir immer wichtig: egal welcher Hintern sich in meine Stühle setzt, er soll sich benehmen. Das ist meine Vorstellung. Wenn mich einer beleidigt, nehme ich es entweder als Kompliment oder ich ignoriere es. Wenn derjenige es zum zweiten Mal macht, dann sage ich: „Jung, such dir ein anderes Café“. Dasselbe sage ich, wenn hier jemand andere Leute belästigt. Da mach ich nur einmal eine Ansage, beim zweiten Mal schicke ich denjenigen weg.   

Sie genießen auch den Ruf, den besten Espresso der Stadt zu servieren. Was macht einen guten Espresso aus?
Um einen guten Kaffee zu machen, muss die Maschine gut eingestellt sein und auch ein guter Kaffee verwendet werden. Es ist sehr ähnlich wie bei einer Formel in der Chemie. Alles muss stimmen. Wenn nur ein Detail nicht stimmt, dann wird nichts stimmen. Heute macht die Qualität sehr viel aus, denn man kann das nicht wie vor 30 Jahren machen. Die Leute hatten damals einen Espresso bestellt, aber das, was sie bekommen haben, konntest du nicht Espresso nennen - das war schwarzes Wasser. Heute achten sehr, sehr viele darauf, wie der Espresso in der Tasse ist, wie man den Zucker rein kippt, wie der Kaffee schmeckt. Heute verstehen einfach sehr viele Leute, was ein Espresso ist und wie er schmecken muss und nicht nur der Italiener, der das aus Italien schon kennt.

Der "Baui" - ein bekannter Bauspielplatz im Friedenspark in der Kölner Südstadt. Carmelo Bennardo war einer derjenigen, die den Spielplatz in den 70er Jahren errichtet haben. (© Daniel Zakharov) 

Gibt es Unterschiede beim Kaffeetrinken zwischen Italienern und Deutschen?
Ich habe sehr, sehr viele deutsche Stammgäste hier. Die kommen extra für einen Espresso oder einen Kaffee hierhin. Mittlerweile habe ich meine Gäste abgewöhnt, einen „Café Crema“ zu bestellen. Das Wort „Café Crema“ existiert nicht. Bitte guckt euch nicht die Worte aus der Werbung ab, Werbung macht uns bekloppt. Im Italienischen heißt das „Cafe Americano“ - Basta, Feierabend. Oder „Deutscher Kaffee“. Dann machen wir das in der großen Tasse. Aber nicht „Café Crema“. Ich sage zu meinen Gästen immer: „Ihr befindet euch hier auf einem italienischen Territorium - das Wort „Café Crema" existiert hier nicht“. „Ok, dann mach uns einen Kaffee“, sagen sie. „Seht ihr, wenn ihr nach Italien geht und einen „Café Crema" bestellt, wird man euch nur komisch angucken.“ Ist mir auch schon passiert, als ich da unten war und einen „Espresso“ bestellt habe. Die haben mich nur fragend angeschaut. „Ja ist gut, ihr habt recht - einen Kaffee, bitte!“. Denn in Italien existiert auch das Wort „Espresso“ nicht. Es gibt „caffè“ für den Espresso und „americano“ für die große Tasse. Dann verstehen die Leute auch, was gemeint ist. Wobei mittlerweile immer mehr Cafés Bescheid wissen, was der Deutsche mit Espresso meint, und schreiben dann „espresso“ und „caffè“ in die Karte. Umgekehrt wissen das sehr viele Italiener, die nach Deutschland kommen, nicht. Die bestellen einen Kaffee und kriegen eine große Tasse. Dann sind die jedes Mal geschockt. Auf der Tandem Schule [internationale Sprachschule in der Südstadt] hier um die Ecke sind sehr viele Italiener, die für ein paar Monate zum Studieren hierhin kommen, um Deutsch zu lernen. Die kommen hier an und bestellen einen „caffè“. Dann sage ich: „Jungs, passt auf - „Caffè" ist hier eine große Tasse. Eine kleine Tasse heißt hier in Deutschland „Espresso“." „Ah, gut, dass Sie mir das sagen. Ich möchte eine kleine Tasse."

Was muss Ihrer Meinung nach ein italienisches Café unbedingt haben, um erfolgreich zu sein? 
Man muss Italienisches Flair haben, lustig und gut drauf sein, natürlich Temperament zeigen und schließlich guten Kaffee und Espresso anbieten. Das macht ein gutes Café aus und ist für mich das Wichtigste. Es muss eine gute Qualität präsentiert werden. 

"Ich liebe Deutschland, ich liebe die Deutschen, aber mein Herz schlägt für die italienische Mannschaft."

Was war für Sie das größte Highlight in den letzten 19 Jahren?
(enthusiastisch) Oooh, das Größte war die WM 2006! Das war das Beste überhaupt! Das war wirklich ein Sommermärchen! Es hat alles gestimmt: die Organisation der Deutschen - meine Hochachtung, die Infrastruktur - meine Hochachtung. Das Wetter war auch gut. Zwar habe ich damals so viel Stress gehabt, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, wo ABC ist, aber im Endeffekt hat es sehr, sehr viel Spaß gemacht. Es macht mir immer noch alle zwei Jahre viel Spaß, wenn eine Welt- oder Europameisterschaft ansteht.

Waren Sie im Halbfinale nicht in einer Zwickmühle als Italien das deutsche Sommermärchen zerstört hat?
Wenn die Presse alle zwei Jahre hier ankommt und mich fragt, sage ich immer: „Ich wünsche mir nie Italien - Deutschland." Ok, passiert manchmal, aber da kann man nichts machen. „Aber für wen bist du denn?“ - „Es tut mir Leid“, sage ich, „ich liebe Deutschland, ich liebe die Deutschen, aber mein Herz schlägt für die italienische Mannschaft.“ Aber wenn Italien nicht spielt, bin ich ganz klar für die Deutschen. Wie dieses Jahr zum Beispiel. Italien war nicht dabei, also war ich für Deutschland. Auch bei Turnieren, bei denen das italienische und deutsche Team in verschiedenen Gruppen sind, bin in dem Moment ein deutscher Fan, weil ich sehr dankbar dafür bin, was ich hier heute habe. Ich danke Deutschland dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, mir das alles hier selber aufzubauen.

Der Name "Formula Uno" ist im Café Programm. Überall findet man Bilder und Gegenstände, die sich mit der Formel 1 und dem ruhmreichen Team der Scuderia Ferrari beschäftigen. (© Daniel Zakharov)  

Während der WM oder EM herrscht hier absoluter Ausnahmezustand. Wie hat sich das zum Hotspot der italienischen Fans entwickelt?
Das hat sich 2006 so entwickelt. Wir haben zwar schon sechs Jahre davor angefangen Fußball zu zeigen und es war hier auch immer viel los, das hatte aber bei Weitem nicht die Ausmaße gehabt, die es später angenommen hat. Die Leute standen hier höchstens bis zu den Parkplätzen. 2006 war aber wegen einer Baustelle die Straße hinten an der Kreuzung gesperrt. Die Straße war zu, Italien spielte und die Leute kamen und kamen. Nach den ersten zwei Spielen bekam ich dann einen Anschiss von der Stadt Köln. „Ich kann da nichts für“, sagte ich. Aber angeblich hatte ICH die Straße gesperrt und dabei auch nicht für Rettungswege gesorgt. „Wie soll hier denn ein Rettungswagen durchfahren, wenn da am Ende der Straße eine Baustelle ist, ein Loch? Das ist doch nicht meine Schuld!“, argumentierte ich. Die sagten aber nur: „Es reicht, am Dienstag wird die Straße wieder geöffnet“. Dienstag, Punkt 12 Uhr haben sie die tatsächlich wieder geöffnet. An den Nachmittag erinnere ich mich sehr gut, da spielte um 16 Uhr nämlich Deutschland. Da war was los hier - gutes Wetter, viele Leute, sehr viele Mütter mit ihren Kindern. Da die Straße längere Zeit gesperrt gewesen ist, waren die Kinder es gewohnt, mitten auf der Straße zu spielen. Die waren da also alle am Spielen und ich war nur noch damit beschäftigt zu schauen, ob ein Auto kommt. Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich bin hier um die Ecke in ein Geschäft gegangen, „Inferno“ hieß der Laden, habe einen Eimer Kreide gekauft und die Kinder von der Straße weggeholt. „Hier habt ihr einen Eimer Kreide - bemalt den Bürgersteig.“ An dem Tag hab ich zu meiner Frau noch gesagt: „Ne, das tue ich mir nicht an. Klar will ich Geld verdienen, aber ich möchte kein Kind auf meinem Gewissen haben, das überfahren wurde.“ Damals hat auch die Lokalpresse jeden Tag darüber berichtet und war sehr gespalten. Die einen waren für mich, die anderen gegen mich. Am nächsten Tag bin ich zu dem zuständigen Verantwortlichen bei der Stadt gegangen. Ein paar Tage vorher hatten wir uns noch richtig in der Wolle gehabt. Ich habe zu ihm gesagt: „So geht das nicht! Die Leute sind nun mal da, darunter viele Kinder. Lassen Sie uns die Straße sperren.“ Nein, nein, nein, das würde nicht gehen. Der hat sich quer gestellt, auch sein Kollege vom Amt. Bis ich dann gesagt habe: “Ok, is jut! Wenn das nicht geht, dann sage ich euch nur eins: Wenn hier ein Kind überfahren wird, dann tragen Sie die Verantwortung dafür. Ich werde mein bestes tun, dass es nicht passiert, aber wenn es passieren sollte, liegt die Verantwortung bei Ihnen. Genauso werde ich das dann auch der Presse sagen.“ Darauf meinte der Verantwortliche nur noch: „Jetzt reicht´s mir! Um drei Uhr Ortsbesichtigung, die Straße wird gesperrt.“ Schnell wurde die Straße wieder gesperrt. Das hat mich dann auch richtig Geld gekostet für die kompletten vier Wochen, aber das ist heute auch egal. Es war ja wunderbar und einfach sehr, sehr, sehr schön!

Mittlerweile ist es bei jedem großen Turnier ein Hotspot hier. Ich erinnere mich an die Vorberichte in der ARD mit Mehmet Scholl vor sechs Jahren. Da haben die unterschiedliche Public Viewing-Orte in Deutschland gezeigt: „Berlin - seid gegrüßt! Hamburg, Frankfurt, München! Und in Köln haben wir die kleine Seitenstraße Zugweg in der Südstadt mit dem Public Viewing vor dem Café Formula Uno“. Ich dachte mir nur: „Ach du Scheiße, auch das noch.“ Manchmal wird es mir dann doch zu viel.
 
Was ich aber noch gerne sagen will. Wir zanken uns zwar immer mit der Stadt Köln, aber am Ende sitzen wir an einem Tisch und klären die ganzen Probleme. In dem Moment, wenn wir uns streiten, haben die Stress und auch ich habe Stress und sage auch manchmal ein Wort zu viel. Aber das ist letztendlich egal. Toi, toi, toi, haben wir bis jetzt immer alles geklärt. Die sind alle ganz human. Also, ein Danke auch an die Stadt Köln, die Verständnis hat. Klar, ich bezahle schließlich auch die ganzen Geldbußen, die ich dann immer kriege (lacht). Aber wir einigen uns immer. Ich bekomme auch immer wieder Lob vonseiten der Stadt Köln, von der Polizei und von vielen anderen. Einmal sagte man mir bei der Stadt: „Ein sehr großes Lob von uns! Sie machen hier seit 2000 Public Viewing und bis jetzt gab es noch nie polizeiliche Eingriffe, noch nie auch nur eine Schlägerei, nie eine Auseinandersetzung. Meine Hochachtung, Herr Bennardo!". Deshalb drücken die ab und zu auch mal ein Auge zu. Selbst die Polizisten, die hier aufpassen, sagen, dass sie froh wären, beim nächsten Spiel wieder hier zu sein. Denn die Leute, die hierhin kommen wollen Fußball gucken und sind schön friedlich. Ältere Leute, Kinder, selbst schwangere Frauen. Ich frage immer: „Wo ist es denn besser? Hier oder in der Altstadt, auf den Ringen, auf der Zülpicherstrasse oder Kyffhäuserstrasse?“ Dann sagen die alle: „Hör bloß auf! Das ist das Schlimmste. Das ist hier eine ganz andere Atmosphäre. Du hast hier so viele nette Leute.“ Ich unterhalte aber auch meine Gäste, fange dann zum Beispiel auch mal an italienische Musik zu spielen.

Die Südstadt, in der Carmelo Bennardo aufgewachsen ist. Früher industriell geprägt, heute ein teueres Pflaster. Links: das Wahrzeichen der Südstadt - das Severinstor. Rechts: Alte Kräne im Rheinauhafen, die an die industriell geprägte Zeit des Veedels erinnern. (© Daniel Zakharov)  

Gab es mal auch einen größeren Rückschlag in den letzten 19 Jahren? 
Nein, einen großen Rückschlag gab es nie. Probleme gibt´s immer, aber insgesamt lief bis jetzt immer alles glatt. 

Was bedeutet Ihnen Köln und was schätzen Sie an der Stadt?
Ich bin hier groß geworden und liebe Köln einfach. Wir haben uns gegenseitig sehr viel gegeben. 

Köln hat 86 Stadtteile. Was ist Ihr Lieblingsveedel und warum?
(lacht) Das brauche ich ja nicht zu sagen. Die Südstadt natürlich, weil ich hier seit 50 Jahren bin. Ich liebe die Südstadt! Mittlerweile wohne ich außerhalb von Köln, aber wenn mich einer fragen würde: „In welchem Stadtteil würdest du heute gerne wohnen? Welcher gefällt dir am besten? Marienburg, Hahnwald, Sülz, Lindenthal?“ Ich würde Südstadt sagen. 

Besonderer Ort / Lokalität neben dem „Formula Uno“ in Köln, den Sie sehr mögen?
Ich bin die letzten Jahre zu wenig rausgegangen, denn ich bin auch mal froh, wenn ich nach Hause komme. Deshalb kann ich die Frage schlecht beantworten. 

Was schätzen Sie nicht an Köln? Was würden Sie ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Da fällt mir spontan nichts ein.

Letzte Frage: Empfinden Sie heute eher Deutschland oder Italien als Ihre Heimat?
Köln ist meine Heimat. Ich bin im Jahr 11,5 Monate hier und vielleicht zwei Wochen da unten. Nichtsdestotrotz werde ich immer ein Sizilianer bleiben. Aber ich liebe Deutschland und die Südstadt!

Links:
1. Mehr zu Carmelo Bennardo und dem "Formula Uno" gibt es auf der Facebookseite des Lokals - hier
2. Mehr zu meiner Serie "Köln - 86 Veedel"