"Der künstlerische Prozess bedeutet für mich eine Art Vorbereitung auf das Sterben."

Ein Interview mit dem Künstler Jan Glisman.
Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Letztes Jahr beschloss ich, meine Serie „Köln - 86 Veedel“ durch eine Interviewreihe zu ergänzen, bei der ich interessante Persönlichkeiten aus Köln vorstelle. Schnell war mir klar, dass ich auch Jan Glisman interviewen möchte. Jan ist Künstler und gebürtiger Kölner. Er arbeitet mit natürlichen Materialien wie Ton, Gestein oder Gas, nutzt für die Entstehung seiner Werke des Öfteren die Schwerkraft und lässt seine Skulpturen immer wieder bei spektakulären Performances entstehen. 2013 sorgte er in Köln medial für Aufmerksamkeit, als er im Rheinauhafen bei der Performance „Trumpets of Jericho“ eine 2,5 Tonnen schwere, weiche Tonröhre aus 25 Metern Höhe abstürzen ließ, um auf diese Weise seine Skulptur zu kreieren. Im Bunker 101 ließ er über mehrere Wochen in Etappen immense, frei schwebende Steinblöcke wegsprengen und im Vorgebirgspark zuletzt ein Zelt schweben. Mich hat es immer fasziniert, wie akribisch und detailbesessen er seine Aktionen vorbereitet, wie sehr er sein Handwerk beherrscht und wie interdisziplinär er arbeitet, indem er auch Video, Fotografie und Klang für seine Arbeit nutzt. Wenn man mit Jan spricht, spürt man direkt, dass hinter seinem Werk eine eigene Philosophie, eine tief gehende Idee steht. Um mehr über ihn, seine Arbeit und seinen Bezug zu Köln zu erfahren, trafen wir uns Ende November zu einem Gespräch in seinem Atelier in Mülheim.

Was war deine erste Berührung mit Kunst?
Bei der Einschulung gab es zunächst das Problem, dass ich nicht in die Schule wollte. Meine Eltern mussten mich wieder von der Schule nehmen und in eine Art Vorschule stecken. Dort bekam jedes Kind eine spezielle Beschäftigung, damit es sich individuell entwickeln konnte. Ein Jahr lang durfte ich dort hauptsächlich malen und wurde dabei betreut. Meiner Meinung nach wurde hier das Fundament für eine autonome Arbeitsweise gelegt, von der ich später als freischaffender Künstler profitierte.

Wann wurde dir bewusst, dass du den künstlerischen Weg gehen möchtest?
Der künstlerische Weg war ein Prozess, der nicht von einem Moment auf den anderen passiert ist, sondern viele Jahre gedauert hat. Als Jugendlicher habe ich gerne Iron Maiden Postkarten abgezeichnet, auf denen Figuren abgebildet waren, die mich fasziniert haben - „Eddie“, ein Mensch, der keine Haut mehr hat und nur aus blutenden Muskeln besteht, zerfetzte Leichen und vor allem der Tod, der von innen hohl war und wie ein Tuch im Nichts schwebte. Diese Motive habe ich ganz präzise abgezeichnet. Meine Eltern haben die Zeichnungen gefunden und ich konnte einige Male beobachten, wie sie sich diese mit einer gewissen Faszination, aber auch mit einem gewissen Unbehagen anschauten. So bemerkte ich meine Fähigkeiten, in anderen Menschen etwas auszulösen. Später begann ich an der Akademie in Maastricht Kunst zu studieren.

Du arbeitest heute viel mit Keramik. Wie hast du dieses Material für dich entdeckt?
Als ich angefangen habe, zu studieren, gehörte dazu auch der Tonunterricht. Wir sollten uns Tonblöcke zum Arbeiten kaufen, was mich aber nicht besonders reizte. Mich interessierten die großen Regale im Keller, in denen die Tonabfälle lagen. Das waren 2-3 Tonnen Material. Ich begann mit dem zu arbeiten, was vor meinen Füßen lag - mit dem Abfall der anderen. Das ist das Naheliegendste, was ein Student machen kann.

Die Materialien mit denen Jan Glisman arbeitet kommen zum großen Teil aus der Natur. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, beide Bilder zeigen keramische Arbeiten. (© Daniel Zakharov)

Die Materialien, mit denen du arbeitest, kommen oft aus der Natur. Welche Verbindung hast du zur Natur? 
Heute gibt es Festplatten, auf denen du deine Daten speicherst. Die Natur macht das ähnlich: Sie schreibt ihre Erinnerung und ihre Informationen aber in Materialien hinein, in molekulare Strukturen. Das heißt, ein natürliches Material ist aufgeladen mit Energie. Daraus entwickeln sich in der Natur durch Raum und Zeit Materialien wie z. B. Naturstein, eine Koralle oder ein Stück Vulkangestein. Das sind alles Materialien, die durch Ihre Struktur und somit durch Ihre Eigenschaften einer menschlichen Persönlichkeit bzw. einem menschlichen Charakter ähneln. Deshalb ist es für mich besonders interessant, damit zu arbeiten. Diese Stoffe sind in der Lage, meine Person in eine Skulptur, in eine Aktion, in eine künstlerische Arbeit zu transformieren.

Die Schwerkraft spielt eine große Rolle in deiner Arbeit. Aus großen Höhen lässt du schwere Tonmassen auf die Erde stürzen. Was hat es damit auf sich?
Es ist halt auch die Frage, weshalb ich selbst Kraft aufbringen sollte als Bildhauer, so wie es ein klassischer Bildhauer mit seinem Meißel tut. Muss ich das überhaupt tun, oder kann ich einfach die Kraft benutzen, die schon vorhanden ist? Und das ist die Urkraft, die uns alle auf diesem Planeten hält, nämlich die Erdanziehung. Diese Kraft zu nutzen, damit zu arbeiten, ist für mich das natürlichste, was es gibt. 

Du bereitest deine Aktionen akribisch vor, berechnest jedes Detail. Doch dann überlässt du das Endergebnis einer von dir nicht kontrollierbaren „Kraft“. Warum gibst du die Kontrolle letztendlich aus der Hand?
Dieses Loslassen, die Abgabe der Kontrolle an eine andere Kraft, ist für mich unumgänglich. Das menschliche Tun, mit seinem begrenzten Denken und der geringen Vorstellungskraft, kann nur bis zu einem bestimmten Punkt kommen. Wenn du weiter vordringen möchtest, solltest du lernen, die Verantwortung auch abzugeben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, Verantwortung abzugeben. Wir alle müssen diese irgendwann abgeben. Der künstlerische Prozess bedeutet für mich eine Art Vorbereitung auf das Sterben. Das handwerkliche Können, das du dir angeeignet hast, die Vorstellungskraft, das Denken, es ist alles nichts wert, wenn du nicht in der Lage bist, deinen Willen an die „Kraft“ abzugeben - die pure Kraft, die in uns ist und wodurch die Natur sich durch uns zeigt. Das zu schaffen, und das auch gezielt zu tun, ist Teil meines Arbeitsprozesses. Dieser Prozess ist mit einer Art Rausch verbunden. Du bist nur noch pure Energie und machst dir um nichts mehr Sorgen. Diese Kraft durchdringt dich und wenn Sie zur Wirkung kommt, dann passieren Dinge, die du dir vorher niemals hättest ausdenken können.

Die Arbeit "Sind wir gleich da?", Vorgebirgspark 2017 | Jan Glisman in seinem Atelier in Köln-Mülheim. (© Daniel Zakharov)  

Deine neuen Arbeiten stehen im Kontrast zu den alten. Sie sind leicht und trotzen der Schwerkraft. Warum auf einmal diese Wendung? 
Einer der Prozesse, mit denen ich mich oft beschäftige, hat mit Gravitation zu tun. Vor kurzem habe ich angefangen, mit Gas zu arbeiten, das sich entgegen der Schwerkraft bewegt. Das ist anfänglich eine große Herausforderung gewesen, weil viele Leute fragten: „Was machst du denn jetzt? Hast du nicht Angst, dass dich dann keiner mehr ernst nimmt, wenn du das machst?“ Aber mich genau in diese Situation der Angst hineinzubegeben, ist für mich interessant. Als ich meine Angst überwunden hatte, wurde mir letztendlich klar, dass ich vorher nichts anderes getan hatte. Über diesen Umweg trotzdem „Zuhause“ anzukommen ist das magische dabei.  

Was war bisher dein größtes Highlight als Künstler?
Das war die Performance „Trumpets of Jericho“, die ich zur Eröffnung des Stromfestivals am Kunsthaus Rhenania inszenierte. Es war das erste Mal, dass ich das prozesshafte Arbeiten in der Öffentlichkeit aufgeführt habe. Nach vielen Ausstellungen falle ich erst mal in ein Loch. Als ich jedoch nach „Trumpets of Jericho“ Zuhause ankam, sah ich meine Aktion und glückliche Gesichter im Fernsehen beim WDR. Das war für mich völlig neu. Die aufschlagende Tonröhre wurde in Zeitlupe in vielen Medien gezeigt. Das war für mich schon ein sehr großer Erfolg. Noch Monate danach wurde ich auf die Aktion angesprochen. 

Die Performance "Trumpets of Jericho", die 2013 beim Stromfestival in Kölns Rheinauhafen inszeniert wurde. (© Jan Glisman) 

Gab es in deiner Arbeit einen krassen Rückschlag, der dich besonders geprägt hat? 
Manchmal kommt mir alles vor wie ein riesiger Rückschlag. (lacht) Aber der Schlimmste war der Tod meines ersten Galeristen Dominik Mühlhaupt, der hier in Mülheim eine kleine Galerie hatte. Da hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr weitergeht und alles keinen Sinn mehr hat.

Jeder Kreative durchlebt Phasen, in denen nichts zu gelingen scheint. Wie gehst du damit um? 
In solchen Situationen ist es die beste Methode, erst einmal loszulassen, sich zu entspannen und mit Menschen zu reden, die einem Nahe stehen. Dann wird ein Plan B entwickelt. Oft spreche ich dann mit meinem Ziehvater. Er ist Steinmetz und hat mich großgezogen, nachdem mein Vater früh starb. Er ist der erste Anlaufpunkt, wenn ich Probleme habe. Er beruhigt mich, redet mit mir, überlegt was zu tun ist. Ich ziehe mich also in die Werkstatt eines Steinmetzes zurück. 

Jan Glisman und sein Werk "Jericho" (© Daniel Zakharov)

Vor allem bei Künstlern gibt es einen großen Hype um Berlin. Wie kommt es, dass du in Köln geblieben bist?
Ich arbeite hier, meine Familie ist hier, der Rhein ist hier. Da ich Bildhauer bin, muss ich mir zweimal überlegen, ob ich meinen Standort verändern will. Mit der Bildhauerei habe ich mir einen Klotz ans Bein gebunden. Skulpturen lassen sich schwierig verkaufen und Installationen zu entwickeln, ist oft aufwendig. Deswegen ist es für mich naheliegend, eine zentrale Location zu haben, der ich treu bleibe und wohin ich immer wieder zurückkehre.

Was schätzt du an Köln?
Erstmal die Größe - es ist eine Großstadt, die aber trotzdem sehr übersichtlich ist und viel Natur hat. Natürlich auch unseren wunderschönen Rhein. Vor allem aber auch die Offenheit der Menschen. Mit der Mentalität der Kölner kann ich mich sehr gut identifizieren. Dass es eine Medienstadt ist, finde ich auch sehr interessant. Ich fühl mich hier einfach Zuhause. 

Köln war eine Zeit lang eine der wichtigsten Kunststädte Europas. Wie empfindest du die Situation heute?
Ich bin da nicht ganz zufrieden mit. Ich betrachte Köln in dieser Hinsicht aber auch nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem Dreiländereck oder auch mit Münster, Düsseldorf und Frankfurt - Städte, die man schnell erreicht und in denen viel passiert. Deswegen lasse ich mich da nicht beirren, wenn hier nicht ganz so viel los ist wie in Berlin. 

"Der Bürgermeisterin würde ich dringend raten, der Offszene ein Fundament zu geben."

Die Stadt hat 86 Stadtteile. Welches Veedel würdest du hervorheben?
Ehrenfeld, wo ich wohne, finde ich ganz toll. Es wird zwar mittlerweile sehr gehypt, aber es ist für mich das Größte, im Sommer die Venloerstraße mit dem Fahrrad rauf und runter zu fahren. 

Gibt es einen speziellen Ort in Köln, den du besonders magst?
Der Rhein ist für mich das Wichtigste. Ich bin sehr gern am Rhein, vor allem auf den Poller Wiesen, am „Katzenbuckel“ und auf der Landzunge in Mülheim. 

Was ist für dich typisch Kölsch / Köln? 
Karneval auf jeden Fall. Ich finde es toll, in Ehrenfeld am Veedelszug rumzustehen, am besten bei herrlichem Sonnenschein und wenn es richtig kalt ist. Und dann halbverkleidet mit Leuten abzuhängen, die eigentlich gar keinen Bock auf Karneval haben. Keinen Bock haben, aber trotzdem mitmachen, ist für mich auch typisch kölsch.

Am Rhein und in Ehrenfeld fühlt sich Jan am wohlsten. Bild 1: Der Dom und der Rhein fotografiert vom "Katzenbuckel" in Mülheim | Bild 2: Der Heliosturm - das Wahrzeichen von Ehrenfeld. (© Daniel Zakharov) 

Was schätzt du nicht an Köln? Was würdest du ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?
Erstes Problem: Wir haben keine Kunstakademie. Einen Gegenpol zu Düsseldorf zu schaffen, fände ich wichtig. Außerdem würde ich der Bürgermeisterin dringend raten, der freien Kunstszene ein Fundament zu geben. Aktuell gibt es die Krise am Ebertplatz, wo sich die ganzen Offräume befinden, wie das „Gold und Beton“, das „Bruch und Dallas“, die „Tiefgarage“. Wenn es diese Kunsträume nicht mehr gibt, dann wird ein großer Teil der Kunstszene in Köln keinen Platz mehr haben.

Gibt es ein Lebensmotto, nach dem du dich richtest?
Dinge einfach auseinander zu schrauben und wieder anders zusammenzusetzen, also zu transformieren und von mehreren Seiten zu betrachten. Dadurch vielleicht auch aus dem Furchtbaren, aus dem Schlechten etwas Gutes zu machen. Diese Transformation zu vollziehen und den Mut dazu zu haben, ist glaube ich auch die Grundaufgabe des Menschen.

Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Links:
1. Mehr zu Jan Glisman findet ihr unter www.jan-glisman.com

2. Mehr zu meiner Serie "Köln - 86 Veedel"