"Der Tango war in der Goldenen Ecke von Köln strengstens verboten"

Ein Interview mit Riehls Stadtteilhistoriker Joachim Brokmeier.
Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Riehl – ein kleiner, schöner Stadtteil im Norden Kölns, den man heute vor allem mit der Flora, dem Zoo oder der Seilbahn assoziiert. Als ich loszog, um den Stadtteil für meine Serie „Köln - 86 Veedel“ zu fotografieren, hatte ich keine Ahnung, auf was für einem spannenden Areal ich mich wirklich bewegte. Doch dann stieß ich bei einer Recherche auf Joachim Brokmeier. Es gibt wohl niemanden sonst, der über Riehl und seine Geschichte so viel zu berichten weiß. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit der Historie des Stadtteils und sammelt alte Ansichtskarten, die das Veedel in einer Zeit zeigen, als es noch „die Goldene Ecke von Köln“ genannt wurde und das größte Amüsierviertel der Stadt war. Über 1400 seltene Karten hat er mittlerweile in seiner Sammlung, die den Betrachter in eine faszinierende, längst vergessene Welt eintauchen lassen, an die in Riehl heute fast nichts mehr erinnert. Ich wollte mehr erfahren. Wir trafen uns in einem netten Café im Herzen Riehls und sprachen über das Veedel, über seltsame Völkerschauen, verbotene Tänze, ungewöhnliche Kirchennamen, den größten Freizeitpark Deutschlands und natürlich seine Sammlung. Schon bald stellte ich fest, dass es im Café still war und die anwesenden Gäste den Erzählungen von Herrn Brokmeier lauschten.

Herr Brokmeier, Sie sind absoluter Riehl-Experte. Was verbindet Sie mit diesem Stadtteil? 
Ich bin zwar nicht in Riehl geboren, bin hier aber ab 1945 aufgewachsen, habe eine Riehler Schule besucht, vierzig Jahre für die Riehler Heimstätten gearbeitet und bis 1991 hier auch gewohnt. Da es in Riehl aber keine Baugrundstücke gab, bin ich dann irgendwann ins Bergische Land gezogen. 

Was ist an Riehl so besonders?
Riehl ist ein kleiner Stadtteil von Köln mit 11.000 Einwohnern, hat aber seine Reize. Im Gegensatz zu manch anderen Stadtteilen, gibt es hier noch eine intakte Einkaufszone. Es gibt wunderschöne Grünanlagen - nicht nur den Zoo und die Flora, sondern auch die Rheinaue. Die Wohnsituation ist hier sehr interessant: Auf der einen Seite findet man normale Wohngebiete wie das Naumann-Viertel, auf der anderen Seite edle Wohngegenden, wie das Villenviertel um den Botanischen Garten, das in den 20er Jahren für die englischen Besatzungstruppen und ihre Familien gebaut wurde. 

Das Veedel hat eine spannende Geschichte. Im 19. Jh. entwickelte sich Riehl sowohl zum größten Militärstandort, als auch zum größten Amüsierviertel. Wie kam es zu diesem Gegensatz?
Kein Gegensatz sondern parallel verlaufende Entwicklungen. Bereits die Franzosen haben zur Zeit der Besetzung auf der Mülheimer Heide Militärübungen abgehalten. Ab 1818 wurde es auch durch die Preußen genutzt. So entstanden die Kasernen Barbarastrasse und Boltensternstrasse. Insgesamt waren 1910 in Riehl etwa 3500 Soldaten stationiert. Die andere Entwicklung ist die des Amüsierviertels. 1889 hatte man in Riehl drei hochattraktive Orte - den Zoo, die Flora und eine Radrennbahn. Das rief die Wirte auf den Plan, sodass allein in diesem Bereich 30 Gastronomien eröffnet wurden. Dementsprechend floss dort eine Menge Geld, hohe Steuermittel entstanden. Bald sprach man von „der Goldenen Ecke von Köln“. 1909 kam mit dem Amerikanischen Vergnügungspark (später „Luna Park“) noch eine weitere Attraktion hinzu.

Militärische Vergangenheit. Riehl war eine lange Zeit der größte Militärstandort Kölns. (vor 1918 | 1913; Ansichtskarten © Sammlung Brokmeier)

Wie kam es dazu, dass dort ein Vergnügungspark gebaut wurde?
Da gab es eine Gaststätte die „Hohenzollerngarten“ hieß. Als Attraktion für seine Gäste hat der Besitzer hinter dem Haus eine große Rutschbahn errichten lassen. So war die Idee eines Vergnügungsviertels geboren. Ein Amerikaner hatte diese Idee dann aufgegriffen und eine Gebirgsbahn bauen lassen. Gleichzeitig wurden dort dann auch viele andere Dinge angeboten, wie z. B. ein Hippodrom, ein Lachhaus, Wurfbuden oder ein sogenanntes Freudenrad, das die Riehler auch als „Kotzkümpchen“ bezeichnet haben. Dann wurden dort auch Völkerschauen gezeigt, bei denen fremdländische Völker zur Schau gestellt wurden.
Außerdem gab es viele Bewirtungsangebote und einen Tanzpalast. Ganz wichtig beim Tanzen war allerdings - die „Schiebertänze“ (Tango) waren verboten. Mit einem großen Plakat wurde auf das Verbot hingewiesen. Das galt damals als unanständig, man war zu nah auf Tuchfühlung. (lacht)

Was war das sogenannte „Kotzkümpchen“?
Das war eine große, runde Platte gewesen, die sich drehte. Die Leute standen an einer Brüstung am Rand und versuchten über die Mitte zu jemand anderem zu gelangen. Natürlich kam man dann sehr oft ins Schleudern. Durch die Drehbewegungen wurde einem kotzübel.

Riehler Attraktionen heute und gestern. Links: Das Colonia-Hochhaus und die Seilbahn (© Daniel Zakharov), Rechts: Die Gebirgsbahn im Amerikanischen Vergnügungspark (© Sammlung Brokmeier)

Was kann man sich unter den Völkerschauen vorstellen und was war die „Liliputstadt“?
Diese Völkerschauen entsprachen dem damaligen Zeitgeist. Durch die Kolonialzeit kamen die Deutschen erstmals mit fremden Kulturen in Berührung. Es gab noch keinen Film und kein Fernsehen wo man hätte zeigen können, wie Menschen in anderen Kulturen lebten. Also hat man diese fremden Völker hierhin gebracht und ihnen ihre kleinen Dörfer aufgebaut, damit man sich daran „ergötzen“ konnte. Grauenhaft! Aber es wurden nicht nur fremdländische Völker gezeigt, sondern generell alles, was abweichend war - so eben auch die Kleinwüchsigen, damals „Liliputaner“ genannt, für die ein ganzes Dorf aufgebaut wurde. Sie hatten einen eigenen Bürgermeister, ein eigenes Postamt, eine eigene Gartenausstellung, veranstalteten eigene Boxkämpfe etc. 

Welche Rolle spielte die Radrennbahn?
Radrennen hatten damals eine ähnliche Bedeutung wie heute die Formel1-Rennen - Massen strömten am Wochenende nach Riehl, um die Rennen mitzuerleben. Die Bahn war etwa 400 m lang und ist eine Steilwandbahn gewesen. Man veranstaltete "Steherrennen", bei denen ein Motorrad vorne wegfuhr und im Windschatten der Radfahrer hinterher folgte, aber auch ganz normale Radrennen („Fliegerrennen“). Auf der Bahn wurden deutsche und auch internationale Meisterschaften mit den größten Radrennfahrern dieser Zeit durchgeführt. 

Die Radrennbahn löste eine große Faszination aus. Dort wurden nationale und internationale "Fliegerrennen" (links) und
"Steherrennen" (rechts) veranstaltet. (Beide Ansichtskarten 
© Sammlung Brokmeier)  

Wie und warum ging es mit der Goldenen Ecke zu Ende?
Es gab verschiedene Gründe. Die große Weltwirtschaftskrise war einer davon. Der Hauptgrund war aber, dass Adenauer den Grüngürtel bis zum Rhein verlängert wollte. Die Schaubuden und die Gastronomie störten da nur und mussten dann alle abgebrochen werden. Bis auf eine - „Wattlers Fischerhaus“, das heute unter dem Namen „Richters“ in veränderter Form weiter existiert und sich direkt neben der Zoobrücke befindet. 

In den 70er Jahren entstand in Riehl der größte Vergnügungspark Deutschlands - der Tivoli Park. Was ist daraus geworden?
In Erinnerung an die große Zeit mit dem Luna Park, wollte man in Riehl nochmal einen Vergnügungspark errichten. Das bot sich 1971 an, als in Köln die Bundesgartenschau veranstaltet wurde. Es war aber völlig dezentral gelegen, die Eintrittspreise waren sehr hoch. 1975 war der Betreiber pleite und der Park wurde aufgelöst. 

 Die einzige Gaststätte aus der "Goldenen Ecke", die in stark veränderter Form überlebt hat. Da wo früher das beliebte "Wattlers Fischerhaus" stand, befindet sich heute das Restaurant "Richters". (links: © Sammlung Brokmeier, rechts: © Daniel Zakharov) 

Was ist heute ihr Geheimtipp für Riehl?
Ein Geheimtipp ist sicherlich die „Kunst in der Unterkirche“ im Sankt Engelbert, in der regelmäßig Riehler Künstler ausstellen. Interessant ist auch das Geschäft „Tonibunt“, in dem Bewohner des Behindertenzentrum und der pädagogischen Werkstatt ihre Werke zum Verkauf anbieten. Und sicherlich auch der REWE-Markt, in dem alte Ansichten von Riehl ausgestellt sind. 

Ein Wahrzeichen von Riehl ist die Kirche Sankt Engelbert. Wie ist ihre Geschichte und was hat sie mit dem kölschen Begriff „fringsen“ zu tun? 
Die alte Sankt Engelbertkirche wurde zu klein, man musste eine neue Kirche bauen. Dafür beauftragte man Dominikus Böhm als Architekten. Er legte einen Plan vor, der die Kirche als einen Zentralbau vorsah. Die Riehler fanden sehr schnell den Begriff „Zitronenpresse“ für den Bau, da er von oben ein bisschen daran erinnert. 1946 hielt Kardinal Frings dort eine Predigt, die einen markanten Satz beinhaltete: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“ Die Kölner sind mit diesem Satz sehr großzügig umgegangen und haben daraus den Begriff „fringsen“ gemacht, wenn sie die Beschaffung lebensnotwendiger Dinge meinten, oder eben auch das „Klütten Klauen“ [Kohle stehlen].

"Radrennen hatten damals eine ähnliche Bedeutung wie heute die Formel1-Rennen"

Kommen wir zu Ihrer faszinierenden Sammlung. Wie entstand die Idee Ansichtskarten von Riehl zu sammeln?
1984 bekam ich eine alte Ansichtskarte von Riehl zu sehen. Es handelte sich um eine Straßenansicht der Hittorfstraße. Die Häuser waren nach 70 Jahren kaum verändert wiederzuerkennen. Das war der Impuls sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen und zu schauen, ob nicht auch andere Bereiche von Riehl für einen Vergleich zwischen neu und alt interessant wären. Mittlerweile habe ich von diesem kleinen Stadtteil 1400 alte und auch ein paar neuere Ansichtskarten. 

Wo bekommen Sie die Karten her?
Die meisten Karten bekomme ich über Ebay und über die Kontakte, die man mittlerweile aufgebaut hat. Es ist kein billiges Hobby - die Karten liegen im Preis zwischen 3 und 90 Euro. Da kommen schon ein paar höhere Beträge zusammen. 

Gibt es eine Karte, die sie besonders mögen? 
Es gibt eine Karte, die mich besonders angesprochen hat. Um 1900 gab es sogenannte „Milch-Kur-Anstalten“ (Milchbars). Der Schweizer Milchbauer Dopplé hat hier in Riehl zwei Niederlassungen gehabt, wo man damals Milchprodukte zu sich nehmen konnte. Besonders wichtig war es ihm zu zeigen, dass er Schweizer ist. Er lief immer in älpler Tracht herum und benannte Riehl gleichzeitig auch noch in „Köln-Appenzell“ um.

Die Milch-Kur-Anstalt vom Milchbauer Dopple, der Riehl in "Köln-Appenzell" umbenannte. (© Sammlung Brokmeier) 

Viele Karten sind beschrieben. Gibt es da eine besondere Anekdote?
Sehr viele sind beschrieben. Eine witzige Anmerkung habe ich auf einer Karte aus dem Jahr 1915 gefunden. Ein sehr frustrierter Soldat schrieb auf eine Karte: “Wann nimmt das endlich ein Ende.“ Aber an sich sind die Texte oft schwer zu entziffern, zum einen wegen der Sütterlinschrift, zum anderen aufgrund der Sauklaue der Verfasser.

Köln hat 86 Stadtteile. Gibt es noch andere Veedel, die Sie schätzen?
Besonders schön finde ich den Stadtteil Stammheim, insbesondere seinen alten Schlosspark mit den wunderschönen alten Baumbeständen. Dort findet man die ältesten Bäume Kölns. Der Park geht bis zum Rhein runter, sodass man dort wunderbar entlang laufen kann - wunderschön! 

Gibt es etwas was Sie an Köln nicht mögen und verändern würden, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Es gibt ein Thema das sehr spezifisch ist und speziell mich betrifft. Und zwar, dass in Köln relativ wenig für Stadtteilhistoriker getan wird und es keine Kommunikationsebene für sie gibt. Insofern fehlt ein Austausch derjeniger, die sich mit der Stadtgeschichte befassen. Ein Stadtmuseum kann eben nicht alles auffangen. 

Was ist für sie typisch kölsch und was gefällt ihnen an Köln besonders?
Ich finde die Lebensart sehr schön. Man kann in eine Gaststätte gehen und kommt relativ schnell in Kontakt. Was mich an Köln sehr interessiert sind die vielen alten Gebäude, die im Krieg zerstört wurden, aber auch sehr schön wieder aufgebaut worden sind, wie die Romanischen Kirchen. 

Sie haben drei Bücher herausgegeben. Worum handeln sie genau?
Das Erste handelt von der neueren Ortsgeschichte Riehls. Das Zweite befasste sich speziell mit dem Bereich Goldene Ecke. Das dritte Buch ist für mich persönlich das Schönste. Es ist eine Art Heimatkalender geworden. Ich habe bestimmte Daten der Riehler Geschichte genommen, sie erläutert und Geschichten dazu erzählt. Da kann man reinschauen und erfahren, was an einem bestimmten Tag, in einem bestimmten Monat in Riehl passiert ist. In allen drei Büchern sind Ansichtskarten aus meiner Sammlung zu sehen. 

Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Die Mülheimer Brücke heute und ihr Vorgänger - die Schiffsbrücke. (links: © Daniel Zakharov, rechts: © Sammlung Brokmeier) 

Links: Ansichtskarte vom sogenannten "Kotzkümpchen". Rechts: Ein Tanzlokal mit dem Hinweis, dass "Schiebertänze" verboten sind.
(Beide Ansichtskarten 
© Sammlung Brokmeier) 

Der Amerikanische Vergnügungspark 1913. (© Sammlung Brokmeier) 

Die "Liliputstadt" im Vergnügungspark. Was heute völlig fremd erscheint, war früher Normalität. (© Sammlung Brokmeier) 

Die Stammheimerstraße erinnert bis heute an die alte Zeit. (1914 | 2017; links: © Sammlung Brokmeier, rechts: © Daniel Zakharov) 

Hochwasser in Riehl - gestern und heute. (links: © Sammlung Brokmeier, rechts: © Daniel Zakharov) 

Links:
1. Köln-Riehl heute - die Gallery zu Riehl aus meiner Serie "Köln - 86 Veedel" findet ihr hier.
2. Mehr zu Joachim Brokmeier und seiner Sammlung findet man unter www.joachim-brokmeier.de 


Bücher von Joachim Brokmeier:
"Köln-Riehl. Geschichte(n) aus dem Veedel"
"Köln-Riehl"
"Die Goldene Ecke von Köln: Das Amüsierviertel in Riehl"