"Im Odonien kriegst du hautnah mit, wie Kunst entsteht."

Ein Interview mit dem Künstler und Erschaffer des legendären "Odonien" Odo Rumpf.
Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

„Odonien“ - dieser Name ist weit über die Kölner Stadtgrenze hinaus bekannt. Atelier, Veranstaltungsort, Party-Location, die Heimat des einzigartigen Roboterfestivals „Robodonien“, ein "lebendes Kunstwerk" - der "Freistaat" Odonien hat viele Gesichter und offenbart sich jedem Besucher in einer anderen Gestalt, abhängig davon mit welcher Intention und zu welcher Uhrzeit er sich dorthin begibt. Der Ort, der sich in der berühmt-berüchtigten Hornstrasse in direkter Nachbarschaft eines der größten Freudenhauses Europas befindet, zieht sofort in seinen Bann, weil er ungewöhnlich ist und mit Normen und Konventionen bricht. Erschaffen hat ihn Künstler Odo Rumpf. Zunächst nur als sein Atelier genutzt, öffnete er das Areal für alle und schuf damit einen Ort, in dem sich Kreativität frei entfalten kann und an dem die unterschiedlichsten Ideen ohne Grenzen und Barrieren aufeinanderprallen können, um etwas Neues zu erschaffen. Das Odonien ist nicht einfach nur ein Ort, sondern eine einzigartige Ideenschmiede, zu der jeder etwas beitragen kann. Seit mittlerweile 30 Jahren ist Odo in Köln ansässig und als Künstler aktiv. Aus alten, entsorgten Gegenständen, die er überall auf der Welt findet, baut er Skulpturen und haucht ihnen so neues Leben ein. Im Frühjahr besuchte ich ihn in seinem legendären Atelier und fühlte mich auf Anhieb willkommen und wohl. Wir sprachen über seine Anfänge, seine Arbeit, das Odonien und natürlich Köln. 

Du bist seit 30 Jahren als Künstler aktiv. Was war Dein Traumberuf als Kind? Hat Kreativität in Deiner Kindheit eine Rolle gespielt?
Ein Traumberuf war da erst mal nicht dabei. Als Kind war ich aber immer am Frickeln. Das fing mit dem Basteln im Kindesalter an, bei dem man sich aus den einfachsten Dingen ganze Fantasiewelten erschuf. Irgendwann kamen Technik und Mechanik hinzu, man bastelte nun an Fahrzeugen wie dem Fahrrad, einem Mofa, einem Auto. Das war meine Art der Kreativität.

Zur Kunst bist Du über Umwege gekommen. Zunächst hast Du Maschinenbau studiert. Wie bist du zur Kunst gekommen?
Da ich aus einer Ingenieurfamilie komme, lag es nahe, Maschinenbau zu studieren. Ein Kunststudium war für mich damals nicht so spannend. In der Jugend und besonders der während Studienzeit habe ich viele verrückte Sachen gemacht, die heute alle unter den Begriffen „Moderne Kunst“, Performance, Bildhauerei durchgehen würden. Damals habe ich mich aber nicht als Künstler empfunden. Ich habe einfach das gemacht, was mir Spaß gemacht hat. Parallel habe ich auch bei verschiedenen Künstlern gearbeitet, vor allem bei Professor Thomas Virnich. Er war ein netter Typ, mit dem ich mich super verstanden habe. Als Assistent mit ihm Ideen zu entwickeln, war klasse, aber in erster Linie war das nur ein Job für mich. Während des Studiums habe ich auch experimentelle Filme gemacht und mit einigen sogar ein paar regionale Preise gewonnen.

Technik und Mechanik begeisterten Odo Rumpf schon in der Jugend. Bevor er sich komplett auf die Kunst fokussierte, studierte er Maschinenbau. (© Daniel Zakharov)

Was war der Auslöser 1991 Deinen Job zu schmeißen und sich nur noch auf die Kunst zu fokussieren?
Der folgerichtige Schritt nach dem Studium wäre gewesen, arbeiten zu gehen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon die Praxis im Maschinenbau kennengelernt und das Erlebte gab mir zu denken, ob ich in diesen Beruf einsteigen will. Denn mit dem ganzen Frickeln hat der Dipl.-Ingenieur nichts mehr zu tun. Er ist Chef, sitzt meistens in seinem Büro und leitet irgendwas. Das war überhaupt nicht mein Ding. Zu der Zeit bin ich wieder zurück nach Leverkusen gezogen und musste meine Wohnung neu einrichten. So begann ich, in einem Schuppen Möbel zu bauen - Möbel aus edlem Schrott. Das Witzige war, dass alle meine Sachen toll fanden. Mit einer Fotomappe bin ich dann zu Möbelläden und Ausstellungsräumen gegangen, um meine Arbeiten zu zeigen. Ein Jahr später hatte ich mit den Möbeln bereits 12 Ausstellungen. Dann hatte ich das Riesenglück, die Hallen in Nippes zu kriegen, wo ich dann 15 Jahre mein Atelier hatte. Dort habe ich mich richtig entwickeln können und irgendwann war der Zug, noch mal als Ingenieur zu arbeiten, abgefahren. Das hätte mir keinen Spaß mehr gemacht. Mit meinen Möbeln war ich schon ganz erfolgreich, hatte große Aufträge. Das alles funktionierte finanziell und begann, allmählich in die reine Kunstsparte überzugehen.

Deine Skulpturen entstehen aus alten, entsorgten Gegenständen unserer Zivilisation. Was fasziniert Dich an diesen Dingen?
Für den Laien wird das hier vielleicht wie ein Schrottplatz aussehen. Das ist halt Unwissen. Viele Leute können überhaupt nicht differenzieren. Die würden wahrscheinlich auch einen Menschen- von einem Hundefriedhof nicht unterscheiden. Die Sachen, die sich hier in meinem Atelier befinden, sind Dinge, die mir eine Geschichte erzählen. Die sind nicht zufällig hierhin gekommen. Eigentlich bin ich erst einmal ein Sammler. Das war ich als Kind schon. Damals konnte es ein riesiger Setzkasten sein, in den ich eine tote Spinne oder einen Kerzenstummel reingelegt habe - irgendetwas was mich faszinierte und wo ein Erlebnis hinter steckte. Odonien ist genau dasselbe, nur in einer größeren Dimension. Wenn ich in den Urlaub gefahren bin, hatte ich immer einen Anhänger, ein Schweißgerät und einen Brenner dabei. Andere bringen Erinnerungen in Form von Fotos aus dem Urlaub mit, bei mir sind es halt Gegenstände. Das konnte dann auch mal eine Tür von einem Bunker sein oder andere Objekte aus dem Krieg, auf die sonst keiner geachtet hätte. Diese Gegenstände haben eine eigene Aura und erzählen mir Geschichten.

Seine Skulpturen und Installationen baut Odo Rumpf aus entsorgten Dingen, die er überall auf der Welt findet und in sein Atelier nach Odonien bringt. Rechts eins der skurrilsten Fundstücke in seiner Sammlung - ein Antonow-Cockpit. (© Daniel Zakharov)

Was war Dein skurrilstes Fundstück in all der Zeit? 
Das Cockpit einer Antonow. Das ist eins der ungewöhnlichsten Fundstücke und sehr beeindruckend. Da kommt bei mir der Ingenieur wieder durch. Normalerweise siehst du diese Flugzeuge total glatt, von innen wie von außen. Aber was da für eine Technik drinsteckt, sieht man nicht. Das ist schon faszinierend solche Einblicke zu erhalten, sie weiterzugeben und als Gedankengut in einer Installation zu sehen.

Wie entstehen Deine Kunstwerke? Wie gehst Du vor?
Die Inspiration liefert mir mein Riesenfundus. Ich weiß eigentlich immer, wo etwas ist und welche Teile ich habe. Die einzelnen Details für meine Kunstobjekte nehme ich alle aus meiner Sammlung. Mein Konzept ist es die Dinge, die mir wichtig sind und die ich gesammelt habe, für die Kunstwerke zu benutzen. Bei Auftragsarbeiten kann es allerdings auch mal passieren, dass ich extra dafür Gegenstände suche.

Was war bis jetzt Dein größtes Highlight als Künstler?
Sicherlich war der Solarvogel eine ganz große Sache für mich. Der war als Prototyp für eine weltweite Kunstinstallation gedacht. Die Vögel sollten in mehreren Ländern aufgebaut werden und Daten sowie Videos untereinander austauschen. Wir reden hier über die Mitte der 90er Jahre. Das war eine der ersten Ideen, die europäischen Hauptstädte über das Internet künstlerisch miteinander zu verbinden, hat von der Technik her aber überhaupt noch nicht geklappt. Das große Projekt wurde letztendlich nie umgesetzt, aber es war ein großer Moment wenigstens einen Solarvogel in die Welt zu setzen, für den ich dann einen großen Kunstpreis bekam.

Der Solarvogel - eine der ersten kinetischen Skulpturen von Odo Rumpf. (Photo © Daniel Zakharov)  

Jeder Kreative durchlebt Phasen, in denen nichts zu gelingen scheint und man überhaupt keine Ideen entwickeln kann. Wie gehst Du damit um?
Indem ich da gar nicht erst reinkomme (lacht). Nein, dadurch, dass ich das lange mache, weiß ich wie solche Phasen entstehen. Sie entstehen nur dann, wenn man zu viele Sachen parallel macht. Deshalb besuche ich ein, zwei Mal im Jahr Symposien. Dort erlebe ich die kreativsten Phasen und kann intensiv Ideen entwickeln. Da bin ich auch nicht erreichbar, habe kein Handy dabei. Aber auch den Winter hier im Odonien liebe ich. Das mag vielleicht kalt und schummrig sein, aber dafür habe ich dann meine Ruhe. Der Sommer ist hier eine ganz busy Sache, wo ich mich nicht mit der Kunst abschotten kann. Für Kreativität brauche ich Zeit für mich. Man bleibt an einer Idee dran, kommt weiter, findet Lösungen. Das macht total Spaß. Gerade eine Lösungsfindung ist immer das Spannende, das Herausfordernde. Täglich kommt man einen Schritt weiter, Ideen, an die man vor zwei Monaten noch gar nicht gedacht hat, scheinen auf einmal realistisch zu sein. 

Dein bekanntestes Kunstwerk ist der „Freistaat“ Odonien, den Du mal als lebende Skulptur bezeichnet hast. Wie ist es entstanden?
Zunächst war ich 15 Jahre in dem alten Bahn-Ausbesserungswerk in Nippes. Dort hatte ich unglaublich viel Platz zum Arbeiten und konnte mich entwickeln. Irgendwann hieß es aber - jetzt ist Feierabend. Vom Kulturamt und vom Bezirk gab es vorher die Beschlusslage, dass die Künstler in den neuen Bebauungsplan des Geländes integriert werden. Aber der Einfluss der Investoren war so gewaltig, dass dieser Beschluss wieder rückgängig gemacht wurde. Letztendlich wurde das mit Geld geregelt, was mein Glücksfall war, denn so konnte ich das jetzige Gelände finden. Hier musste einiges gemacht werden, es gab keinen Strom, kein Wasser, kein Abwasser, nur ein paar Ruinen. Alles musste langsam aufgebaut werden. Zunächst nur mein Atelier. Später ist es zu dem geworden, was es jetzt ist und das ist ein Gesamtkunstwerk, das immer in Veränderung bleiben wird. Denn es wird immer wieder durch Leute verändert, die mit ihren Veranstaltungen und Kopfkreativität hier neue Ideen reinbringen. Das könntest auch Du sein. Eine neue Idee kann hier immer integriert werden. Eigentlich sind das auch alles Fundstücke, die hier reingetragen werden - Gedankenfundstücke. Das Odonien ist eine Rieseninstallation, die durch unterschiedliche Leute einem permanenten Wandel unterzogen ist.

Links: Odo Rumpf in seinem "Element". Rechts: der Eingang ins Odonien. (© Daniel Zakharov) 

Wie kam es dazu, dass Du Odonien, das zunächst Dein Atelier war, für alle geöffnet hast?
Das war mir wichtig. Als Nichtkünstler sieht man Kunst normalerweise erst, wenn sie fertig ist - im Museum, in Ausstellungen, in Galerien. Hier im Odonien kriegst du hautnah mit, wie Kunst entsteht. Deshalb mache ich hier auch Führungen, um den gesamten Prozess von der ersten Idee bis zur fertigen Installation zu zeigen.

Odonien stand vor einigen Jahren kurz vor dem Aus. Warum sind solche Orte vor allem in Köln vom Aussterben bedroht? 
Es ist in Köln schon sehr auffällig. Ich bin seit Anfang der 90er Jahre hier und seitdem wird ein Ort nach dem anderen zugemacht. Was haben wir denn noch? Die Kolbhalle ist noch ein Gelände was existiert, aber da war auch schon die Räumungsklage. Die Lobby der Bedenkenträger bei der Stadt ist einfach dermaßen groß. Das sind auch alles Weicheier, das muss man einfach so sagen. Keiner will ein Risiko eingehen. Was hatten wir hier im Odonien für Diskussionen - Das hat mich echt Lebenszeit gekostet! Was für Ideen von denen kamen: Hier könnte ein Zug abstürzen, hier könnten Leute durch Blitzeinschläge sterben. All das musste berücksichtigt, präventive Maßnahmen realisiert werden und alles nur, weil die Leute so eine Fantasie aufgebaut haben. Die interessiert keine Statistik, dass in Deutschland im Jahr nur etwa fünf Leute an einem Blitzschlag sterben. Was für ein Quatsch! Da kannst du eigentlich nur noch abschalten. Das ist dann meistens das Aus für solche Gelände.

"Die Lobby der Bedenkenträger bei der Stadt ist so dermaßen groß."

Köln war lange Zeit eine der bedeutendsten Kunststädte Europas. Wie empfindest Du die kulturelle Situation in Köln heute?
Die ist super! Aber guck dir mal die Akademie der Künste an. Ich will da gar keine Namen nennen. Es sind aber Entscheidungsträger irgendwo an der Spitze, die überhaupt nichts mit Kunst zu tun haben. Sie entscheiden aber. Wir haben so tolle Orte. Die ganzen kleinen Galerien am Ebertplatz zum Beispiel - die sind absolut fantastisch. Die müssten richtig promotet werden. Dort passiert teilweise mehr als in der ganzen Stadt. Dann wird aber 1 Million, mittlerweile etwas weniger, in die Akademie der Künste gesteckt. Was soll denn das? Wer ist denn das in der Akademie der Künste? Irgendeiner der von außen eingreift. Dieses Geld hätten die in die Infrastruktur der ganzen Offszene reinstecken sollen. Da wäre keiner von reich geworden, aber mit solch einer Unterstützung hätte viel entstehen können. Es gibt so viele kreative Leute hier. Da gibt es ein riesiges Potenzial in der Stadt und da geht´s überhaupt nicht ums Geld, sondern um die Möglichkeit, den Leuten einen Ort zu geben, wo sie sich entwickeln können, ohne dass irgendein Beamter, der überhaupt nichts von Kunst versteht, sagen kann: „Ihr müsst das aber so und so machen, eine Genehmigung haben und einen genauen Plan vorlegen“. Wie soll sich so Kunst entwickeln? Das ist ein Widerspruch in sich. Dieses Potenzial sieht Köln einfach nicht. Das ist für mich unerklärlich. Das wird einfach runtergewirtschaftet, wie es nur geht.  

Kommen wir zu den positiven Aspekten. Was schätzt du an Köln?
Auf jeden Fall die Art der Leute, die Weltoffenheit, das Multikulti. In der Richtung ist Köln sicherlich einmalig. Ich finde, Köln ist eine tolle Weltstadt. In meinem Fall finde ich es bemerkenswert, dass es mit dem Odonien letztendlich doch so funktioniert hat. Das sah ja zwischenzeitlich ganz anders aus. Dass sich die Bevölkerung nicht einfach so bestimmen lässt, das schätze ich an Köln. Das sieht du immer wieder in vielen kleinen Dingen, wo die Leute auf die Barrikaden gehen, ihre Meinung sagen und fordern, dass eine Lösung gefunden wird. Es ist eine sehr aktive und bewusste Bevölkerung hier. Zumindest kommt mir das so vor. 

Zwei Bilder aus Ehrenfeld, dem Lieblingsveedel von Odo Rumpf. Der Stadtteil ist bekannt für seine aktive Kreativszene, für Kunst und Streetart. Links: ein Mural von dem Streetart-Künstler ROA. Rechts: das Wahrzeichen von Ehrenfeld - der Heliosturm. (© Daniel Zakharov) 

Köln hat 86 Stadtteile. Was ist Dein Lieblingsveedel?
Ich kenne jetzt nicht so viele. Früher war Nippes mein Veedel gewesen, was ich auch immer noch gut finde. Jetzt ist es Ehrenfeld. An diesen Umkreis bin ich ja auch stark gebunden. Hier in Ehrenfeld ist aber auch die Kreativität. Diesbezüglich ist es nicht vergleichbar mit irgendeinem anderen Veedel. Deshalb würde ich schon sagen, Ehrenfeld ist mit Abstand mein Lieblingsveedel.

Gibt es abgesehen vom Odonien noch einen speziellen Ort in Köln, den Du besonders magst?
Auf jeden Fall die Kolbhalle. Es ist immer toll, dort zu sein. Außerdem ist die Passage mit den Galerien am Ebertplatz wirklich klasse. Die beiden Orte mag ich besonders. 

Ich bin Fotograf. In der heutigen Zeit sind Fotos allgegenwärtig. Was bedeutet das Medium Fotografie für Dich persönlich und wie verwendest Du das Medium selbst?
Früher fand ich Fotografie auch für mich als kreatives Stilmittel toll. Mittlerweile ist es für mich aber nicht mehr spannend selbst zu fotografieren. Das überlasse ich lieber anderen. Ich schaue mir aber gerne Bilder von anderen an, z. B. auf Ausstellungen. Eine Ausnahme gibt es: Urlaubsfotos. Die gucke ich mir auf gar keinen Fall mehr an.

Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Links:
1. Mehr zu Odo Rumpf auf seiner Website www.odorumpf.de
2. Mehr zu Odonien findet man unter  www.odonien.de
3. Mehr zu meiner Serie "Köln - 86 Veedel"