"Wenn Ihnen die Hutschnur reißt, dann war die ganze Arbeit umsonst."

Ein Interview mit der Hutmacherin Ute Flemming.
Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Wie entstehen eigentlich Hüte? Diese Frage hatte ich mir vorher nie gestellt, bis ich bei einem meiner Streifzüge durch Köln zufällig in der Marienstraße 69 in Ehrenfeld landete. Zur großen Überraschung entdeckte ich dort nämlich die Hutfabrik Flemming, die letzte Hutmanufaktur Deutschlands, in der Hüte noch nach alter Tradition mit der Hand industriell hergestellt werden. Geführt wird sie von Ute Flemming. Einst die erste Hutmacherin Deutschlands überhaupt, übernahm sie 2013 nach dem Tod ihres Vaters die Leitung des Familienbetriebs und führt ihn nun erfolgreich in der vierten Generation weiter. Während es in den 80ern in der Textilindustrie einen großen Umbruch gab, bei dem die meisten Hutfabriken Pleite gingen oder die Produktion nach Fernost verlagerten, ging die Hutfabrik Flemming den schwierigen Weg. In der größten Krise kehrte man zum Ursprung zurück und besann sich auf das Handwerk. Genau das zahlte sich schließlich aus. Obwohl es ein aussterbender Beruf ist, könnte die Auftragslage heute kaum besser sein. Mit handgefertigten Hüten von hoher Qualität beliefert die Hutfabrik die Film- und Fernsehbranche, den Karneval, Theater und viele andere Kunden im In- und Ausland. Selbst Russell Crow trug in einem Film einen Hut der Marke Flemming. In diesem Jahr feiert die Hutfabrik ihr 50-jähriges Bestehen. Ein guter Anlass ihr einen Besuch abzustatten und ein Interview mit Frau Flemming zu führen. 

Sie führen die Familientradition des Hutmachens nun in der vierten Generation fort. Ihr Ur-Großvater und Großvater waren Hutmacher in Berlin. Was wissen Sie über ihre Geschichte?
Die Firma Flemming wird etwa zwischen 1890 und 1905 entstanden sein. Die genauen Zahlen sind uns leider nicht bekannt, weil sie durch den Krieg verschütt gegangen sind. Zuerst war unsere Fabrik in Luckenwalde. Nach dem Ersten Weltkrieg ist sie dann nach Berlin in die Innenstadt umgezogen, direkt 500 Meter Luftlinie vom Brandenburger Tor entfernt. Zu der Zeit wurde die Firma noch von meinem Ur-Großvater geleitet. Später ist auch mein Großvater mit eingestiegen. Zu besten Zeiten hatte die Firma 180 Angestellte.

Wie kam es, dass ihr Vater aus Berlin weggegangen ist? Warum hat er ausgerechnet Köln auserkoren?
1961 ist die Grenze geschlossen worden. Kurz davor hat mein Vater sein Bündel geschnappt und im Betrieb gesagt: „Tut mir Leid, das geht nicht! Ich kann hier nicht bleiben - ich will rüber.“ Wir hatten damals den Vertrieb und das Lager im Westen, aber die Produktion im Osten. Ein Jahr hat mein Vater versucht, in West-Berlin Fuß zu fassen und dort wieder alles aufzubauen. Aber die Emotionen waren zu stark - seine ganze Familie, war drüben geblieben, ebenso viele Freunde und der Großteil seiner Kontakte. Das hat er nicht ausgehalten und wollte irgendwo anders hin. Zu der damaligen Zeit war der Name Flemming bekannt. Er hatte ein Angebot bekommen und ist nach Zürich gegangen, um dort eine Firma zu leiten. Als Deutscher ist er mit der Mentalität der Schweizer allerdings nicht so parat gekommen. 1965 dann ist mein Vater nach Köln gekommen und hat drei Jahre später mit einem Kompagnon hier im Haus die Firma übernommen - eine kleine Hutfabrik mit 18 Angestellten. Gemeinsam haben die hier alles neu aufgestellt. Zu der Zeit hat man in erster Linie für Konzerne gearbeitet. 90 Prozent der Textilien mussten in Europa produziert werden, sonst wurde man mit Zöllen belegt. Dadurch war die Infrastruktur in der Region gut ausgebildet.

Links: Ute Flemming bei der Arbeit. Sie führt den Familienbetrieb in der vierten Generation weiter. Ihr Vater Jochen Flemming (rechtes Bild) verließ Berlin und gründete 1968 den Betrieb in Köln-Ehrenfeld. (© Daniel Zakharov)

Wie sind Ihre Kindheitserinnerungen an die Hutfabrik?
Ich bin schon als ganz kleiner Panz in der Firma rumgelaufen. Früher gab es hier Kreidestriche auf dem Boden, damit ich wusste, wo ich hin durfte und wo nicht. Da, wo ein Kreidestrich war, war es entweder heiß, scharf oder ich konnte mich anderweitig verletzen. Für ein kleines Mädchen war das hier ganz toll. Wir hatten hier ganz viele Garnituren, es gab Glitzerbroschen, die ich sortieren durfte. Man fing einfach sofort an, irgendwas zu machen und zu basteln. Ach Gott, war das schön!

Wollten Sie nicht in die Fußstapfen Ihres Vaters treten?
Nein, man möchte ja auch mal was anderes kennenlernen. Nach dem Abitur habe ich Biologie und Sport studiert. Es war ganz gut, sich erstmal selbst die Hörner abzustoßen. Mit zwei Diplomen begann ich im Reha-Bereich und als Trainerin zu arbeiten, stellte aber bald fest, dass es nicht das ist, was ich mein Leben lang machen will. Bei meinem Vater ist in dem Moment viel in Bewegung gekommen. Er begann auf Messen zu fahren und aktiv an den Endverbraucher ranzugehen. Da er ganz dringend Hilfe gebraucht hat, habe ich dann beschlossen, eine Lehre als Hutmacherin dranzuhängen. 

Stimmt es, dass Sie die erste Hutmacherin Deutschlands waren?
Genau. Der Hutmacher war eigentlich immer ein reiner Männerberuf. Es ist ein sehr anstrengender Beruf. Sie ziehen Hüte über Formen und das nicht dreimal, sondern 30-50-mal am Tag. Das ist genauso wie bei einem Fliesenleger oder Maurer - für eine Frau körperlich echt anstrengend.  

Was genau ist das Schwierige daran?
Das Ziehen. Die Hutstumpen müssen von Hand über eine Holzform gezogen werden. Sie müssen viel Muskelkraft aufwenden. Der Stumpen ist dabei auch noch heiß. Abends wissen Sie, was Sie getan haben. Das ist eine körperlich schwere Arbeit - die häufigste Verletzung eines Hutmachers ist der Leistenbruch. Ich persönlich schaffe maximal 30 Hüte am Tag. Wenn wir hier ganz große Aufträge haben, dann arbeiten Sie sich auch mal die Finger wund. 

Links: Mehrere Hunderttausend Stumpen aller Farben hat die Hutfabrik Flemming auf Lager. Sie sind das Rohmaterial, aus denen Hüte gemacht werden. | Rechts: Zylinder und Melonen im Lager der Hutfabrik Flemming. (© Daniel Zakharov)

Wie läuft grob der Prozess des Hutmachens ab?
Der Stumpen ist das Rohmaterial, aus dem Hüte bestehen - er ist entweder aus Wolle oder aus Haarfilz. Das sind Grundmaterialien, die zunächst in Appretan gestärkt werden müssen. Das ist ein Mittel, das wasserlöslich ist und mit Ammoniak pH-neutral gehalten wird. Je mehr Appretan, desto höher der Stärkegrad des Hutes. Nachdem der Stumpen 2-3 Tage trocknet, wird gezogen. Dafür haben wir einen Dampfkessel. Für etwa zehn Minuten kommt der Stumpen da rein, während die Holzform im Ofen aufgewärmt wird. Von Hand wird der Stumpen nun über die Holzform gezogen. Bei einem normalen Hut, wird er meistens mit der berühmten Hutschnur und Nägelchen erstmal auf der Holzform fixiert. Dann geht er wieder in den Dampfkessel und hinterher nochmal für eine dreiviertel Stunde in den Ofen. Nachdem der Hut einen Tag entspannt hat, geht es an die Oberflächenbearbeitung und in die Garnitur, bei der z. B. Bänder, Knöpfe, Litzen oder Perücken dran kommen. Schließlich wird der Hut in der Endkontrolle überprüft. Wenn alles passt, kann er zum Kunden raus. 

Woher beziehen Sie die Materialen für die Hüte?
Das ist ein ganz großes Problem. Heutzutage gibt es in Westeuropa keine Filzfabriken mehr. Mit China möchte ich nicht arbeiten. Ich habe gesehen, wie die Sachen dort hergestellt werden und das ist bei mir pure Überzeugung, dass ich das unter keinen Umständen unterstützen möchte. Meine Ware bekomme ich ausschließlich aus Amerika. Sie ist zwar etwas teurer, aber der amerikanische Markt ist geschützt, die haben Umweltauflagen und Auflagen für Arbeitszeiten.
Außerdem haben wir ein wahnsinnig großes Lager. Mein Vater hat sein ganzes Privatvermögen investiert und Stumpen und Hüte von anderen  Firmen aufgekauft. Heute haben wir ein Lager mit einigen 100.000 Stumpen hier.

Es gibt das Sprichwort „mir reißt die Hutschnur“. Was hat es damit auf sich? 
Mit der Hutschnur fixieren Sie den Hut auf der Holzform. Wenn es Ihnen über die Hutschnur geht, dann sind Sie mit dem Treiber abgerutscht und zerreißen damit das Material. Sie haben dann ein Loch im Hut und können ihn wegschmeißen. Wenn Ihnen die Hutschnur reißt, dann war die ganze Arbeit auch umsonst. Das ist früher ganz oft passiert, weil man ganz normale Baumwollfäden genommen hat, die nach dem heißen Dampf und dem Trocknen oft durch waren. Dann konnten Sie alles vom ersten Arbeitsschritt beginnen.

Links: Eine Holzform für einen Zweispitz, besser bekannt als Napoleonshut . | Rechts: Ein alter Ofen, in dem die Holzformen aufgewärmt werden. (© Daniel Zakharov)

Gibt es noch andere Manufakturen in Deutschland?
Wir sind die letzten, die wirklich noch per Hand industriell produzieren. Es gibt kleine Geschäfte, die für sich ihre fünf Hüte machen, aber die schaffen eben keine 40-50 Stück am Tag. Das ist traurig, denn wir haben wahnsinnig viel Arbeit. Ich suche händeringend Leute und würde mich gerne vergrößern, weil wir mittlerweile schon Arbeit ablehnen müssen.

Gab es in den 50 Jahren einen Rückschlag, der die Hutfabrik besonders geprägt hat?
Der größte Rückschlag war 1986 - da hat die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, bei dem die erwähnten Einfuhrbeschränkungen aufgehoben wurden. Innerhalb von einem Jahr waren 4,6 Millionen Beschäftigte arbeitslos. Danach wurde es natürlich sehr, sehr schwer. Die Hutfabriken sind wie die Fliegen gestorben. Mein Vater hat sich dann wieder aufs Handwerk besonnen und Einzelanfertigungen gemacht. Wir haben gar nicht mehr angefangen an Konzerne zu liefern, weil man mit den deutschen Löhnen und Auflagen mit Fernost nicht mithalten kann. Mein Vater musste Leute entlassen, hat sich auch vom Kompagnon getrennt. Das gab ein paar ganz harte Jahre. Heute sind wir zu dritt und haben zwei Aushilfen. Wir Frickeln vor uns hin und haben sehr viel zu tun. Die Auftragsbücher sind voll.

Warum macht Ihnen der Beruf so viel Spaß?
Grundsätzlich macht es mir Spaß, etwas zu produzieren. Zu sehen, dass ich etwas getan habe, wenn ich am Ende des Tages nach Hause gehe. Es macht sehr viel Spaß, die Wünsche des Kunden umzusetzen. Interessant wird es aber, wenn ich zum Beispiel einen Entwurf von einem Theater bekomme und mir denke: „Ach Herrje, wie soll das denn gehen?“.

Hunderte von alten Holzformen türmen sich in der Hutfabrik bis zur Decke. Viele davon eine absolute Rarität. (© Daniel Zakharov) 

Wer sind Ihre Kunden?
Wir arbeiten sehr viel für den Karneval. Darunter sind ganz viele Karnevalsgarden, die eine gewisse Qualität haben wollen. Er soll ja 15-20 Jahre halten und das bei bis zu 120 Auftritten in der Session. Dann machen wir sehr viel für den Dressurbereich. Dafür werden oft Zylinder oder Melonen hergestellt. Ein weiteres großes Standbein ist bei uns der Jagd- und Schützenbereich. Das sind Leute, die den Hut jeden Tag anhaben und sehr gut unterscheiden können, ob es die Qualität von etwas Handgefertigtem ist oder einem maschinell Hergestelltem.

In Köln waren in den 70er Jahren 4000 Leute in Hutfabriken tätig. Heute sind sie eine der letzten Hutfabriken Deutschlands. Was ist das Erfolgsrezept der Hutfabrik Flemming? 
Dass mein Vater sich wieder aufs Handwerkliche besonnen hat und komplett von der industriellen Fertigung weggegangen ist. Das hat er von der Kindheit an gelernt und konnte Hüte machen, bei denen die großen Fabriken gesagt haben: „Machen wir nicht“. In den 80ern bis Mitte der 90er ging es uns wirklich schlecht, alles ist auf China gegangen. Im Jagdbereich waren das die ersten, die auf die handwerkliche Fertigung zurückgekommen sind. Für den Karneval hatten wir eh schon viel gemacht. Das hat sich immer weiter rumgesprochen, nach und nach sind immer mehr Leute zu uns gekommen.

"Das ist eine körperlich schwere Arbeit - die häufigste Verletzung eines Hutmachers ist der Leistenbruch."

Was war in all den Jahren das größte Highlight für die Hutfabrik?
Highlights gibt es zu viele. Was immer wieder toll ist in Köln, sind z. B. die Aufträge vom Hänneschen Theater. Das sind Puppenhütchen, Sie brechen sich die Finger ab, wenn Sie die machen. Aber das macht total Spaß. Stolz bin ich immer, wenn ich ein positives Feedback vom Kunden kriege. Wenn sie begeisterte Kunden haben, dann macht das Freude.

Kommen wir zu Köln. Was schätzen und lieben Sie an der Stadt?
Ich bin hier geboren und bin Kölnerin durch und durch. In meiner Familie bin ich die einzige. Ich finde, dass Köln eine unglaublich schöne, lebendige Stadt ist, die sehr viele Facetten hat. Die Menschen sind sehr offen. Sie haben hier überhaupt keine Probleme, Leute kennenzulernen. Von der Lage liegt Köln auch sehr schön. Ich fahre privat gerne Motorrad, da ist es sehr schön mit dem Bergischen und der Eifel drumherum.

Was ist typisch Kölsch / Köln?
Es gibt drei Dinge in Köln, da kommen Sie nicht vorbei, ob Sie wollen oder nicht: Der Karneval, der Dom und der FC. Da können Sie sich noch so gegen wehren. Ich habe mit Fußball nichts am Hut, aber ich weiß trotzdem, wie der FC spielt, ob er aufsteigt oder absteigt. Der Dom ist natürlich omnipräsent. Den hat jeder Kölner mit im Herzen - ob Christ oder nicht, ist völlig egal. Ja und der Karneval macht natürlich auch Köln aus. Ich finde es bedauerlich, dass der Karneval immer mehr zu diesen Ballermann-Partymeilen verkommt und hoffe, dass da gegen gewirkt wird. Wenn man sich das anguckt, hat der Karneval eine sehr lange Tradition. 1823 hat der erste Rosenmontagszug stattgefunden. Wenn Sie sich überlegen, dass jeder, der da heute auf der Bühne steht und mit seiner Uniform ein bisschen hin und her marschiert, teilweise eine Tradition von 200 Jahren mitbringt, dann empfinde ich das schon als eine sehr, sehr bemerkenswerte Leistung.

Ehrenfeld, das Lieblingsveedel von Ute Flemming. Das Veedel ist bekannt für viele Altbauten. (© Daniel Zakharov) 

Gibt es einen speziellen Ort in Köln, den Sie besonders mögen?
Ja klar, der Gürzenich gehört für mich ganz klar zu den Highlights, genauso wie die Sartory-Säle. Auch die Wolkenburg finde ich toll. Das sind alles alte, traditionelle Gebäude und Säle, die für mich viel ausmachen. Dann finde ich alles, was alt ist, toll - z. B. das Heliosviertel. Schade, dass ein Teil abgerissen wird, aber es musste neugestaltet werden.

Köln hat 86 Stadtteile. Haben Sie ein Veedel, das Sie besonders favorisieren?
Ehrenfeld. Das ist meins, hier fühle ich mich wohl. Mir gefällt es, wie es sich hier entwickelt. Was ich in Ehrenfeld schön finde ist, dass viele alte Gebäude erhalten bleiben und einfach saniert werden.

Was gefällt Ihnen nicht an Köln und was würden Sie ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Was mir nicht gefällt, sind die vergessenen Plätze. Der Ebertplatz ist ein gutes Beispiel. An sich ist es ein schöner Platz, aber die steigende Kriminalität auf dem Platz macht ihn unattraktiv. Dann muss ich auch klar sagen, dass die Sauberkeit der Stadt zu wünschen übrig lässt. Es gibt andere Städte, die haben das besser im Griff. Da würde ich an Köln gerne was ändern, damit es für jeden Bürger schöner wird.

Zum Schluss. Wie sehen Sie die Zukunft der Hutfabrik in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung?
Ich mache mir um uns keine Sorgen. Wenn ich kaufmännisch nicht völlig daneben liegen sollte, dann sehe ich auch in den nächsten zwanzig Jahren nicht, dass wir Probleme mit unserer Auftragslage bekommen.

Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview und mehr Bilder findet ihr hier.

Links:
1. Mehr über die Hutfabrik Flemming erfährt man auf der Website www.hutfabrik-flemming.de
2. Mehr zu meiner Serie "Köln - 86 Veedel"

 


 

Die Fassade der Hutfabrik Flemming. (© Daniel Zakharov)