Kölner aus Stein

Nicht nur Menschen haben über die Stadt Köln einiges zu erzählen. Es gibt auch Kölner, die selbst nicht sprechen können, aber doch einige spannende Geschichten zu berichten haben. Ein Bericht zu meinem Projekt "Köln - 86 Veedel", bei dem ich die unterschiedlichen Kölner Veedel mit der Kamera erkunde.

1. "Ach, daß es noch wie damals wär!"
Wenn ich in den unterschiedlichen Veedeln Kölns mit meiner Kamera unterwegs bin, entdecke ich immer wieder überraschende Motive. Die Stadt ist im permanenten Wandel, auch die bekannten Orte erscheinen manchmal im neuen Anblick. Dieses eingesperrte Heinzelmännchen entdeckte ich zum Beispiel, als der bekannte Heinzelmännchenbrunnen für kurze Zeit von einem Gerüst umgeben war. Die beliebte Sehenswürdigkeit in Köln wurde um 1900 zum 100. Geburtstag von Dichter und Maler August Kopisch erbaut, der die Sage 1836 mit der Ballade „Heinzelmännchen zu Cölln“ populär machte. Der Erzählung nach waren die Heinzelmännchen kleine Kölner Hausgeister mit Zipfelmütze, die bei Nacht alle lästigen Arbeiten der Bürger erledigten. Eines Tages jedoch beobachtete die neugierige Frau eines Schneiders sie bei der Arbeit, woraufhin die Heinzelmännchen für immer aus der Stadt verschwanden. Und so erinnert man sich in Köln noch heute mit einem weinenden Auge an diese Zeit:

„Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul:.... man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten.....
Und eh ein Faulpelz noch erwacht,...
War all sein Tagewerk..... bereits gemacht!“

2. Geschichte VS Neuzeit
Ein kleines Gässchen, so schmal, dass man es fast übersieht, führt in der Kölner Altstadt zu einem versteckten Hinterhof, wo man diese seltsame Szenerie aus Stein entdeckt. Sie zeigt Figuren des Willi-Ostermann-Brunnens, die ich eines Tages in einem ungewohnten Zustand vorfand. Jemand hatte mit roter Farbe einzelne Details ausgemalt und neue Elemente hinzugefügt.

Der Brunnen, der 1939 zu Ehren Willi Ostermanns (1876-1936) eingeweiht wurde, zeigt Charaktere aus den Liedern des bekannten Kölschen Komponisten und Liedermachers. Ohne das Wissen wie man Noten schreibt oder liest, folgte er seiner inneren Bestimmung, komponierte die Melodien einfach im Kopf, sang sie dann auf eine Wachswalze ein oder pfiff sie jemandem vor, der sie in Noten aufschreiben konnte. Zu einer Zeit, in der die Karnevalsmusik im Begriff war ihre Identität zu verlieren, schrieb Ostermann Lieder, die mit Optimismus und Humor vom Alltag erzählten, das kölsche Lebensgefühl widerspiegelten und das Heimatgefühl der Menschen bis heute ansprechen. Er hinterließ mehr als 100 vorwiegend in kölscher Sprache komponierte Lieder und gilt bis heute als einer der bedeutendsten Liedermacher Kölns.

3. Aposteln treffen Geißbock
Der Kölner Dom - diejenigen die in Köln leben, haben ihn schon tausende Male gesehen. Man kennt ihn von Postkarten, aus Büchern, aus Fernsehsendungen. Was soll man da schon Neues entdecken? Doch es lohnt sich trotzdem nochmal genauer hinzuschauen. Ich entdecke immer wieder interessante Details an der Kathedrale. Letztens bemerkte ich zum Beispiel einen Hund und ziemlich düstere Statuen einer Hexe und eines Fauns, die mir vorher nie aufgefallen waren. Die Statuen auf dem Bild gefielen mir wegen ihrer Mimik, vor allem der des Schafes.

Schaut man sich die Statuen generell genauer an, so findet man aufgrund der unterschiedlichen Epochen, in denen sie gefertigt wurden, deutliche Unterschiede in der Gestaltung. Die Steinmetze haben über Jahrhunderte faszinierende Werke hinterlassen. Man findet dort auch nicht nur Heiligenstatuen, wie man vielleicht denken würde. Nach dem 2. Weltkrieg hatten die Steinmetze sehr viel Freiraum beim Gestalten ihrer Figuren. So wurden die unterschiedlichste Personen aus dem politischen und weltlichen Geschehen oder auch Kölner Originale auf dem Dom verewigt. Angefangen mit sich selbst und ihren Familien, verewigten sie unter anderem auch das Kölner Dreigestirn, ein Funkenmariechen, die Nationalspieler von 1966, den FC-Geißbock in mehrfacher Ausführung, den Kölner Boxer Peter Müller (auch „Müllers Aap“ gennant), John F. Kennedy, Nikita Chruschtschow oder auch Reichspräsident Paul von Hindenburg. Erst seit den 80er Jahren kam man bei der Denkmalpflege zu dem Entschluss, wieder nur noch originale und ursprüngliche Formen zu fertigen und am Dom anzubringen.

4. Der andere Blickwinkel 
Dieses Bild entstand ausschließlich Dank der Aufmerksamkeit meiner Tochter. Kinderaugen sehen manchmal mehr. Es ist immer wieder faszinierend, auf welche Details sie achten und welche Motive ihnen auffallen. Diesen Kopf hätte ich glatt übersehen, hätte mich meine Tochter nicht darauf hingewiesen, dass "da eine Statue raucht". Ungläubig schaute ich in die Richtung, in die sie zeigte und musste feststellen, dass sie tatsächlich Recht hatte. Beste Assistentin!

5. Eine unendliche Geschichte
„Nicht schon wieder“, scheinen die Herrschaften auf dem Bild entsetzt zu denken. Man kann sie verstehen, denn die grünen Herren vom Friedrich-Wilhelm-Denkmal am Heumarkt mussten schon einiges erdulden. Zum 50. Jahrestag der preußischen Herrschaft über das Rheinland, beschloss der Kölner Bürgermeister 1864 ein Denkmal für den preußischen Regenten Friedrich Wilhelm III zu errichten. Da er in Köln nicht die populärste Person war, vergingen Jahre bis Geld und Künstler gefunden waren, das Denkmal gefertigt und 1978 dann verspätet eingeweiht wurde. Die Bildhauer ließen es sich aber nicht nehmen der preußischen Regierung einen Seitenhieb zu verpassen, indem man unter der Reiterfigur mehr Zivilisten und Reformer als Militärfiguren unterbrachte, was für den Militärstaat einem Affront gleichkam.

Nachdem es im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, ließ man das Denkmal abtragen und die erhaltenen Sockelfiguren im gesamten Stadtgebiet verteilen. Genau 40 Jahre später beschloss man allerdings es wieder zu rekonstruieren und stellte 1984 den Sockel wieder auf. Auch die Figuren kehrten an ihren ursprünglichen Ort zurück, eine neue Skulptur des Reiters musste aber noch gefertigt werden. Die Mühlen mahlen in Köln langsam und so verging mehr als ein Jahr, bis der Kölner Künstler Herbert Labusga die Statue des Regenten einfach selbst aus Styropor nachbaute und in einer Nacht und Nebel Aktion auf dem Sockel aufstellte. Aber auch nachdem 5 Jahre später ein richtiger Reiter aus Bronze an den Heumarkt kam, war die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn es wäre ja nicht Köln, wenn man nicht schon 11 Jahre später feststellen würde, dass das Material mittlerweile porös und Friedrich Wilhelm eine Gefahr für die umherlaufenden Bürger ist. Nach einigen Jahren mit einer Art stützender „Krücke“ und später einem Aufenthalt im Godorfer Hafen, steht er seit 2009 wieder restauriert am Heumarkt. Man kann gespannt sein, wie lang es diesmal so bleibt.

6. Eine seltsame Zeit
Wenn er doch was sagen könnte. Er scheint zu Recht unglücklich zu sein über seine missliche Lage. Denn in einer der Sagen, in denen er heimisch ist, hätte er seinen Peiniger einfach in zwei Teile gerissen. So muss er aber schweigend und weise das Treiben der Neuzeit erdulden, sich von „Künstlern“, die das Werk eines Fremden nicht respektieren, mit Farbe beschmieren lassen. Auch Gotthold Riegelmann, der Erschaffer dieses Konsolkopfes, hätte wahrscheinlich nur mit seinem eigenen Haupt geschüttelt, im Anbetracht der Tatsache mit welch geringer Wertschätzung seine Werke auf der Südbrücke behandelt werden. Die Ornamente, Reliefs und Skulpturen erzählen vom Rhein und seinen Sagen, von Siegfried und dem Lindwurm Fafner, dem versenkten Nibelungenschatz, von heldenhaften Kriegern, von Nixen und Zwergen.

Sie stammen aus einer Zeit, in der eine Brücke nicht nur einfach ihren Zweck erfüllen, sondern auch eindrucksvoll sein musste. Deshalb wurde während des Baus der Südbrücke (1906-1910) viel Wert darauf gelegt die beiden massiven, an zwei Burgen erinnernden Portalbauten mit viel Mühe zu dekorieren. Nachdem die Südbrücke im 2. Weltkrieg stark beschädigt und nur in einer reduzierten Form wieder restauriert und aufgebaut wurde, befindet sie sich heute in einem ziemlich traurigen Zustand: Bauzäune, Wildwuchs, Graffiti, zugenagelte Türen, Unrat und Dreck prägen das Bild heute. Schade, dass man seine Denkmäler so wenig wertschätzt…

7. Der verschwundene Kürassier
Ende 2015 wurde er in Kur geschickt. Seitdem fehlt in Deutz jede Spur vom „Lanzenreiter“, der seit 1928 das Rheinufer bewachte. Er sollte ein Andenken an die traditionsreiche preussische Kavallerieeinheit „Kürassieregiment Graf Geßler (Rheinisches) Nr. 8“ sein, dessen Kaserne sich im 19. Jahrhundert in Deutz befand. Ehemalige Mitglieder sammelten über Jahre Geld, um auf ewig die Erinnerung an ihr Regiment zu erhalten. Von den Kölnern wurden die in weiße Uniform gekleideten, ungeliebten Kürassiere allerdings abfällig „Mählsäck“ (Mehlsäcke) bezeichnet. Bald soll der Reiter im aufpolierten Gewand aber an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren und von nun an den neuen Rheinboulevard bewachen.

8. Ein erschöpftes Milchmädchen
Ja, Freunde - diese graue, unscheinbare Statue, die früher einmal ein stolzer Brunnen war, gilt wirklich als eine Kölner Sehenswürdigkeit. Auf einem länglichen Sockel, auf dem ein Fisch abgebildet ist, steht ein erschöpftes Mädchen mit zwei Milchkannen in der Hand, dahinter ein entkräfteter Esel. Und dieses erschöpfte Erscheinungsbild kann man ihnen noch nicht mal auf einem Denkmal verübeln. Vor langer Zeit, hatte fast jede Familie in Poll wenigstens eine Kuh und so war es ein lohnendes Geschäft, Milch und andere Milcherzeugnisse, in die Stadt zu bringen und dort zu verkaufen. Mehrmals in der Woche mussten die Milchmädchen deshalb, beladen mit jeweils einer 10 kg schweren Milchkanne in jeder Hand, sich auf den Weg nach Köln machen, um dort etwas Geld für die Familie zu verdienen. Heute bringen große LKWs, gefahren von kräftigen Truckfahrern, jeden Morgen Tonnen von Lebensmitteln in die Supermärkte. Damals übernahmen Mädchen diese Aufgaben, von denen aber nur wenige den LKW-Ersatz Esel besaßen und deshalb alles mit ihren eigenen Händen transportieren mussten.

Deren Reise in die Stadt war daher kein einfacher Weg. Die schwere Last musste nämlich erstmal vom heimischen Hof über unebene Wege und Felder bis zum Rheinufer gebracht werden. Dort bestieg man mit anderen Milchmädchen und Fischern ein überfülltes Boot (später eine Fähre) und hoffte, dass die Überfahrt über den Rhein, bei der der Fährmann mit der starken Strömung zu kämpfen hatte, erfreulich ausgeht. Das gemeinsame Sprechen des Schiffergebets “Wir sind bereit zu fahren. Gott wolle uns bewahren!“, sorgte aber selbstverständlich meist für einen guten Ausgang. Angekommen, begaben sich die Mädchen dann mit ihren bunten Kleidern und den weißen Kopftüchern, die die Reinheit der Milch garantierten sollten, durch die engen Gassen zu den Märkten der Stadt, wo sie ihre Ware endlich verkaufen konnten. All die Zeit mussten sie natürlich auch darauf achten, dass kein Tropfen der wertvollen Milch verloren geht, was kleinere Einnahmen zur Folge gehabt hätte. Und so würdigt man in Poll die Arbeit der pflichtbewußten und fleißigen Mädchen nicht nur mit einem Denkmal, sondern auch mit einer ganzen Milchmädchensiedlung, deren Straßen „Zum Milchmädchen“, „Zum Milchesel“, „In der Kanne“ oder „Im Butterfaß“ heißen.

Mehr Bilder aus Poll, findet ihr hier.