Wenn Geschichte auf dem Tisch marschiert. Das "Tunguska Event" in Bologna.

Letztes Jahr hatte ich die großartige Gelegenheit bekommen, eine Woche lang in London zu arbeiten und dort eine Fotodokumentation über die Performance „Tunguska Event - History Marches on a Table“ anzufertigen (hier findet ihr den Blogartikel dazu). Es handelt sich dabei um das Werk meines Vaters und Künstlers Vadim Zakharov, der inspiriert durch das Buch „Incomplete and Utter History of Classical Music“ von Stephen Fry, die Historie der Jahre 1904-1917 auf künstlerische und performative Art und Weise revue passieren lässt. Auf einer langen Bühne, die einem langen und gedeckten Tisch nachempfunden ist, erscheinen chronologisch die von Schauspielern personifizierten Jahre und erzählen von ihren Höhen und Tiefen, Errungenschaften, Entdeckungen und Krisen. Eine bewegende Zeit, in der kulturell wichtige Werke entstanden sind, die zahlreiche Entdeckungen und technischen Fortschritt hervorgebracht hat, die aber auch für den 1. Weltkrieg, für Unruhen und Revolutionen steht. Die Performance ist ein Zurückschauen in die Vergangenheit, zugleich aber auch ein Sensibilisieren für die Gegenwart und Zukunft. Schnell wird einem vor Augen geführt, dass wir mit den heutigen Tendenzen in Politik und Weltgeschehen scheinbar doch nicht so viel aus der Vergangenheit gelernt haben. Geschichte scheint sich auf diesem Planeten doch in ähnlicher Weise wiederholen zu können. 

Nach dem Erfolg in London ergab sich nun die Gelegenheit, die Performance auch in italienischer Sprache im Rahmen der "Art City Bologna" in Italien zu zeigen. Nun also „Buongiorno“ statt „Good Morning“, „Grazie“ statt „Thank you“ und „Ciao“ statt „Bye“. Das würden allerdings nicht die einzigen Veränderungen im Vergleich zu London werden, das war klar. Eine neue Sprache, eine andere Sprachmelodie, andere Schauspieler, ein völlig anderer Raum. Etliche Male hatte ich die Performance auf Englisch gesehen, kannte jede Einzelheit, jede Schauspielerbewegung, jede Intonation und war nun sehr gespannt, wie sich das Werk nun mit den neuen Gegebenheiten transformieren würde. 

Angenehm zu sehen - das "Tunguska Event" und meine Bilder aus London waren in der ganzen Stadt omnipräsent.

In Bologna gelandet, gab es für mich direkt ein paar schöne Überraschungen. Zum einen wurde ich von einer unglaublich magischen Atmosphäre empfangen, weil alles in einen dichten Nebel gehüllt war. Zum anderen entdeckte ich schnell, dass meine Bilder aus London in der ganzen Stadt omnipräsent waren, ob auf Broschüren, Plakatwänden, Bannern, Flyern oder Programmheften - das „Tunguska Event“ war überall. Das Museum d´Arte Modern di Bologna (kurz „MAMbo“), das die Veranstaltung organisierte, hatte ganze Arbeit geleistet. Es war angenehm seine Bilder überall in der Stadt zu sehen. Mein Antrieb und Lust, mit der neuen Dokumentation anzufangen, wurden dadurch nur noch größer. 

Schon am nächsten Morgen wurde mir bewußt, dass sich für mich auch auf der fotografischen Ebene ganz neue Möglichkeiten eröffneten. Der Veranstaltungsraum war im Vergleich zu London viel größer und gab mir die Möglichkeit, die lange Bühne auch von oben fotografieren zu können. Solche Variationen machen das Arbeiten umso spannender und die Dokumentation abwechslungsreicher und vielfältiger. Mein Vorteil war, dass ich das Stück aus dem Effeff kannte und genau wusste, was zu welcher Zeit passiert und von wo ich den besten Blickwinkel bekomme. Aus diesem Grund brauchte ich keine große Aufwärmphase und konnte direkt mit der Arbeit beginnen. Nichtsdestotrotz waren einige Anpassung notwendig. Zum einen war der Raum viel heller - störende Elemente, die in London in der Dunkelheit verschwanden, waren nun sichtbar. Zum anderen war das Bühnenlicht ganz anders angebracht und von der Farbgebung viel kälter, was auf den Bildern eine ganz andere Atmosphäre erzeugte. Da musste ich bei den Probedurchläufen ein wenig experimentieren, damit auf den Bildern die richtige Bildstimmung nicht verloren geht.

Meine Wenigkeit bei der Arbeit in Bologna. Photo rechts by: M. Porudominskaja 

Auch mein Vater, Schöpfer des Werkes, musste einiges abändern, weil der große Raum Modifikationen erforderte. Dinge, die in London funktionierten, weil sie auf den deutlich kleineren Saal zugeschnitten waren, waren hier nun nicht mehr möglich oder kamen nicht mehr wie gewünscht zur Geltung. So wurden die meisten Videoprojektionen anstatt an eine Wand, nun an die riesige Deckenkuppel projiziert, der nackte Mann mit der Axt, der in London das Tunguska Ereignis symbolisierte, durch eine 3D-Animation ersetzt, die einen explodierenden Teller zeigte. Zudem durfte die Marschszene, die den 1. Weltkrieg zeigte, von einer fliegenden Drohne begleitet werden, die in London aufgrund der tiefen Decke verboten war. Für mich ist es immer sehr spannend und lehrreich zu beobachten, wie mein Vater mit einem Raum arbeitet, dessen Spezifik versteht, auf den Punkt genau die Schwächen ausfindig macht und sie umspielt, ein Gespür dafür hat, was gut wirken und was garnicht funktionieren wird. So erkannte er zum Beispiel sofort, dass die Videoprojektionen an der Kuppel völlig von dem Geschehen auf der Bühne entkoppelt sind und visuell keine Einheit ergeben. Um das Problem zu lösen, ließ er deshalb am Ende oberhalb der Bühne eine Leinwand anbringen, auf der die Jahreszahlen angezeigt wurden, von denen gerade erzählt wurde. Neben dem Privileg als Fotograf bei solchen Projekten arbeiten zu können, ist genau das ein weiterer Aspekt, warum ich meinen Job so schätze: man kann neben dem Bilder machen von anderen Menschen, ihrer Erfahrung und ihrem Knowhow sehr viel lernen. In diesem Fall von meinem Vater, der seit vier Jahrzehnten als Künstler tätig ist und einen riesigen Erfahrungschatz mitbringt. 

Was verglichen mit London unverändert geblieben war, war der Zusammenhalt im Team und die Qualität der Schauspieler, die die vorgegebenen Rollen perfekt ausfüllten, gleichzeitig aber auch ihre Eigenarten in ihre Charaktere einbrachten und so die Performance extrem bereicherten. Die Atmosphäre war sehr herzlich und fast schon familiär. Vor der Premiere war die Anspannung aber dennoch groß. Die mediale Präsenz hatte einen richtigen Run auf die Tickets ausgelöst. Als ich am Tag der Premiere früh morgens ins MAMbo kam, um die Pressebilder abzugeben, wunderte ich mich noch, dass vor der Tür Leute warteten, obwohl das Museum erst eine Stunde später öffnete. Später wurde uns erzählt, dass die Leute für die „Tunguska Event“-Tickets Schlange standen und dass es keine 30 Minuten gedauert hat, bis alle Tickets vergriffen waren - wohlgemerkt für alle drei Tage, 250 Tickets pro Abend. Doch trotz der großen Anspannung funktionierte am Ende alles perfekt. Am Tag nach der Premiere gab es in allen Zeitungen zahlreiche Berichte und auch das Publikum nahm die Performance sehr gut an, wobei die Italiener überraschenderweise viel ernster waren, als die deutlich emotionaler reagierenden Engländer. 

Vadim Zakharov & das ganze Team der Performance "Tunguska Event". Es herrschte beinahe schon eine familiäre Atmosphäre.

Am letzten Tag herrschte eine fast schon traurige Stimmung. Das ganze Team war betrübt, dass das Projekt zu Ende ging. Viele der Schauspieler hatten zum letzten Auftritt ihre Familien, Eltern und Partner mitgebracht und da einer der Schauspieler (Mister 1904) Geburtstag hatte, wurde die lange Bühne nach der Performance tatsächlich noch in einen richtigen Tisch umfunktioniert, auf der zahlreiche Sektfalschen und ein von der Ballerina gebackener Kuchen Platz fanden. Es war ein perfekter Abschluss einer großartigen Woche. 

Wie sagte Francesco, der das Jahr 1917 und somit die russische Oktoberrevolution auf der Bühne verkörpert hatte, bei der Verabschiedung: „It was bigger than Tunguska, it was more powerful than revolution, because - it was a FAMILY revolution!“. 


Eine Produktion von "MAMbo – Museo d'Arte Moderna di Bologna" in Zusammenarbeit mit der V-A-C Foundation & Bologna Fiere. 

Konzept, Szenografie, Kostüm, Choreographie: Vadim Zakharov
Stage Manager & Assistant Director: Luca Federici
Schauspieler: Lorenzo Ansaloni, Francesco Leone Arduino, Giulia Artoni, Maurizio Cardillo, Marco Cavicchioli, Angelo Colosimo, Fabrizio Croci, Francesco Mauri, Saverio Mazzoni, Andrea Mochi Sismondi, Bruno Orioli, Pietro Piva, Alberto Sarti, Massimiliano Sassi, Massimo Scola, Elena Soverini 
A project promoted by ART CITY Bologna: Lorenzo Balbi, Anna-Maria Balletti, Emanuela Casamassima, Elisa Maria Cerra, Claudia Comandini, Lucia Luna Gallina, Elena Gerla, Melissa La Maida, Claudia Nanni, Paola Papini, Sandra Rambaldi, Francesca Rebecchi, Sabrina Samori, Elisa Schiavina, Daniela Semproli, Silvia Tonelli.
Kostümumsetzung: Erin Adair & Natalia Mazer
Sound Engineer & Mic Operator: Valerio Cocchi & Andrea Guagneli
Light Designer: Davide Martire
Footage Director: Mauro Camattari

Photography: copyright by Daniel Zakharov

Bilder der Performance (eine Auswahl)

Behind the scenes / Making of (eine Auswahl)