Weidenpesch - das unterschätzte Veedel

Ein Bericht zu meinem Projekt "Köln - 86 Veedel", bei dem ich die unterschiedlichen Kölner Veedel mit der Kamera erkunde.

Schon mal was von Weidenpesch gehört? Für mich war dieser Stadtteil lange Zeit ein unbeschriebenes Blatt. Zu Unrecht, wie ich bald feststellen musste. 

Zwischen An- und Entspannung
Ein voller Magen und ein paar verlorene Geldscheine weckten vor etwa sechs Jahren meine Sympathie für den Stadtteil. Auf der traditionsreichen Galopprennbahn genoß ich damals im Gasthaus „Rennbahn“ einen vorzüglichen Sonntagsbrunch (kann ich jedem sehr ans Herz legen) und machte mich anschließend zum ersten Mal mit Pferderennen vertraut. Seitdem komme ich mindestens einmal im Jahr zu den beliebten und gut besuchten Rennen, um ein paar Bilder zu machen und bei einigen Bier fast immer Geld auf die falschen Pferde zu setzen. Es ist wirklich ein Erlebnis die gut gepflegten, athletischen und mächtigen Tiere in Aktion zu sehen, aber auch das ganze Drumherum zu beobachten. Entspannung, Spaß, Genuss, Freude, aber auch Gier, Anspannung und Enttäuschung sind dort zu finden. Vom kleinen Kind bis zum alten Greis ist jeder vertreten: Paare und Familien mit Kindern, die sich einfach einen schönen Tag machen wollen, Enthusiasten, für die es ein wichtiges Happening ist und bei denen schon die Wahl der Kleidung von großer Bedeutung ist, Wettprofis und Glücksritter, die jede auch nur kleinste Information über das Wohlbefinden der Pferde und Reiter aufsaugen, um sie bei ihrem Wetteinsatz zu berücksichtigen. Schon seit 1897 existiert die Rennbahn an Ort und Stelle, hat also eine lange Tradition und ist somit eine der ältesten und bedeutendsten Galopprennbahnen in Deutschland. 

Da kann selbst der FC nicht mithalten
Was viele nicht wissen: auf dem traditionsreichen Territorium befindet sich noch ein weiteres historisches Denkmal. Vom Wildwuchs bewachsen und vom Vandalismus stark gekennzeichnet, fristet abseits vom Trubel und Glanz eine der ältesten Fussballtribünen des Landes ihr trauriges Dasein. Es ist ein Jammer, denn könnte sie sprechen, würde sie von glanzvollen und ruhmreichen Zeiten berichten können, als der älteste Fussballclub der Stadt vor ihr seine Spiele austrug. Ursprünglich als Internationaler Fußball-Club Cöln gegründet und später in VFL Köln 1899 umbenannt, war der Club lange Zeit eine feste Größe im Deutschen Fussball, stellte zwischenzeitlich sechs Nationalspieler, wurde zweimal Westdeutscher Meister (1903 und 1906) und spielte mehrmals um die Deutsche Meisterschaft mit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der langsame, aber stetige Absturz des Vereins, der schließlich in den tiefsten Niederungen des Deutschen Fussballs endete. Im Jahr 2002 verließ der Verein seine traditionsreiche Spielstätte und trägt unter dem neuen Namen 1. FSV Köln 1899 seine Spiele nun in der benachbarten Bezirkssportanlage Weidenpesch aus. Wie so einige Denkmäler in Köln, wurde leider auch die alte Tribüne sich selbst überlassen und verfällt dadurch immer mehr.

Wie ein falsch gewählter Name Chaos stiften kann
Ein anderes historisches Gebäude ist dagegen weiterhin im besten Zustand. Das Wirtshaus "Zur Alten Zollgrenze", das bereits 1698 eröffnet wurde, soll schon Napoleon besucht haben. Damals hieß die Ortschaft allerdings nicht Weidenpesch, sondern Merheim und war ein kleines Dorf vor den Toren der großen Stadt Köln. Gleichzeitig mit vielen anderen Vororten wurde es dann 1888 unter dem Namen „Merheim (linksrheinisch)“ nach Köln eingemeindet. Blöd war nur, dass auf der rechten Rheinseite auch schon ein Stadtteil existierte, der Merheim hieß. Zwei Stadtteile mit einem identischen Namen war sowohl für die Kölner Bürger, als auch für die Postboten zu viel des Guten. Schnell waren das Chaos groß, permanent landeten Briefe im falschen Merheim und so war es nur eine Frage der Zeit bis die Stadt Köln gezwungen war, nach einem neuen Namen für das linksrheinische Veedel zu suchen. Angelehnt an den Hof „Weiden Paecherhof“, der lange Jahre in der Nachbarschaft des Dorfes lag, wurde das Veedel 1952 schlussendlich in Weidenpesch umbenannt. 

Ein Ort zum Abschalten
Für meine Serie „Köln - 86 Veedel“ besuchte ich Weidenpesch viermal und legte insgesamt eine Strecke von 26,4 km zurück. Zweimal führte mich dabei mein Weg durch das Naturschutzgebiet am Ginsterpfad, das für mich persönlich eine der schönsten und zugleich ungewöhnlichsten Ecken des Stadtteils ist. Auch wenn große Teile unter Naturschutz stehen und nicht betreten werden dürfen (was viele nicht davon abhält trotzdem in den Seen zu baden), gibt es wunderbare, wenig überlaufene Strecken zum Wandern. Vor allem im Sommer ist die Strecke ein Segen, um von der Hektik und dem Geräuschpegel der Stadt etwas Distanz zu gewinnen und wieder zu sich zu finden. 

Ein Hauch von Osteuropa
Auf einem meiner Spaziergänge durch die Natur, verirrte ich mich auch in den erwähnten ungewöhnlichen Teil des Areals. Einer Straße folgend, auf der man zahlreiche blickdichte Baracken, Zäune und Tore passierte, hinter denen immer wieder Hunde bellten und man manchmal zerlegte Autos und Berge mit Autoreifen erkennen konnte, verirrte ich mich auf einmal in eine seltsame Siedlung. Zunächst hatte ich das Gefühl, nach Russland in einem Moskauer Vorort gebeamt worden zu sein. Die zahlreichen großen und kleinen Grundstücke mit den unterschiedlichsten Behausungen, erinnerten mich sehr an eine typisch russiche Datscha-Siedlung. Hinter den unterschiedlichsten Zäunen und Mauern entdeckte ich Bungalows, Holzhütten, kleinere Häuser, auch ganz schicke Anwesen, sehr viele schöne und gepflegte Gärten, manchmal begrüßten mich Hühner am Zaun, in der Hoffnung was zu Fressen zu bekommen, dazwischen überall Strommasten, die die Siedlung mit Elektrizität versorgen. 

Diese Siedlung, die aus etwa 100 Häusern besteht, ist die letzte informelle Siedlung in Köln und somit eine Rarität. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Stadt in Schutt und Asche lag, suchten die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, nach Möglichkeiten ein neues Leben aufzubauen. Die Stadt kam mit dem Wiederaufbau nicht hinterher und so war es ihr ganz Recht, dass Menschen selbstständig bei Bauern Land pachteten und dort kleine Häuser bauten. So entstanden im gesamten Stadtgebiet zahlreiche informelle Siedlungen, von denen die meisten in den 60er und 70er Jahren aber wieder abgerissen und durch moderne Wohnanlagen ersetzt wurden. Die einzige, die bis zum heutigen Tag überlebte, ist die Siedlung in Weidenpesch. Etwa 300 Menschen wohnen dort heute, teilweise schon in der dritten Generation. Ohne auf die gängige Bürokratie zu achten und ohne sich Baugenehmigungen zu holen oder Architekten und Stadtplaner zu konsultieren, können sie ihre Grundstücke nach belieben ausbauen oder anpassen. Die Stadtverwaltung, bei der die Siedlung als „illegal“ angesehen wird, drückt dabei ein Auge zu und versiegelt nur die Häuser, die von Verstorbenen oder weggezogenen Anwohnern hinterlassen wurden. Trotz der ungewohnten Vorteile und des niedrigen Quadratmeterpreises (25 Cent), gibt es auch einige Nachteile. Lange Zeit gab es dort kein fließendes Wasser und an das Abwassersystem ist der Ort bis heute nicht angeschlossen. 

Ungewöhnlicher Sozialbau
Abschließen möchte ich meinen Bericht mit dem „Jakob Pallenbergs Arbeiterheim“, das auch in der Realität die letzte Station auf meiner Tour durch Weidenpesch war. Auch von dieser Ecke der Stadt hatte ich vorher nie gehört und bin eher durch Zufall dorthin gelangt. Das „Jakob Pallenberg Arbeiterheim“, zwischen 1905-1912 erbaut, ist eine im Oval angelegte Siedlung bestehend aus 19 schönen alten Häusern samt nettem Innenhof, die vom Krieg so gut wie unberührt geblieben sind. Die Anlage wurde auf Wunsch ihres Finanziers und Möbelfabrikanten Jakob Pallenberg für pensionierte und bedürftige Arbeiter gebaut. Obwohl sie heute nach einiger Sanierung ohne Probleme als Siedlung für Leute mit gehobenen Ansprüchen durchgehen könnte, wird sie weiterhin als sozialer Wohnungsbau genutzt. Für mich eine der sehenswerten Stationen im Veedel Weidenpesch, von der ich leider zu wenig Bilder geschossen habe. Denn als ich durch den Innenhof von Pallenberg spazierte, braute sich über mir etwas zusammen - der Himmel war schwarz und es sah so aus, als würde gleich der Weltuntergang ausbrechen. Es war an der Zeit zu gehen und den Stadtteil Weidenpesch hinter mir zu lassen. Aber auch wenn noch eine Menge andere Veedel auf ihre Erkundung warten, nach Weidenpesch werde ich zurückkehren.

Zurückgelegte Strecke: 26,4 km