"Köln hat mir in allen Bereichen unglaublich viel gegeben"

Ein Interview mit dem Schriftsteller Wladimir Porudominskij.
Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview findet ihr hier.

Wladimir Porudominskij - russischer Schriftsteller, Autor von knapp 50 Büchern, Tolstoi- und Literatur-Experte, eine Quelle des Wissens, Menschenmagnet und nebenbei mein Großvater. Bis zu meinem fünften Lebensjahr, bevor meine Eltern mit mir und meinem Bruder von Moskau nach Köln auswanderten, verbrachte ich den Großteil meiner Zeit mit ihm. Für einen kleinen Jungen wie mich war seine Welt faszinierend. Er brachte mir Schach und Skilaufen bei, zeigte mir, wie sich ein Mann mit einem Elektrorasierer rasiert, lehrte mich Eishockey, nahm mich zum ersten Mal ins Stadion mit, machte mich mit der russischen Malerei vertraut und zeigte mir, wie man die Schreibmaschine bedient. Deutlich später in Deutschland weihte er mich in die Welt der klassischen Literatur ein, indem er mir vorlas oder bekannte Werke von Homer oder Hugo auf dem Weg zum Kindergarten nacherzählte und unterstützte mich als Jugendlicher dabei eigene Bücher zu kreieren. In folgendem Interview sprechen wir über seine Anfänge als Schriftsteller, seine Arbeit, den kreativen Prozess und natürlich die Stadt Köln, in der er seit Anfang der 90er Jahre lebt und arbeitet. 

Wie bist du Schriftsteller geworden? War es schon ein Kindheitstraum?
Ich bin immer noch auf dem Weg ein Schriftsteller zu werden. Denn man verändert sich permanent, der eigene Schreibstil, die Themen über die man schreibt und all dies wiederum verändert auch wieder einen selbst. Das Leben ändert sich, die Menschen um einen herum ändern sich, die Literatur ändert sich. Man beobachtet, wie die Literatur sich wandelt, wie neue Genres entstehen. Es ist ein sehr lebendiger Prozess. Deshalb werde ich nie Schriftsteller sein, ich werde immer auf dem Weg sein, einer zu werden. Ich bin fast 90 Jahre alt und schreibe heute völlig anders als es vor zwei oder sogar einem Jahr noch war, und das am selben Ort. 
Und ja, in der Tat wollte ich schon als Kind Schriftsteller werden.

Hat  Kreativität dich schon in der Jugend interessiert? 
Künstlerisches Schaffen hat mich immer interessiert. Ich war schon ziemlich kreativ, aber es ist nicht zu vergleichen mit anderen sehr talentierten Leuten. Als Kind habe ich aber sehr viel gelesen und in der Schule einen wirklich großartigen Literaturkurs besucht. Wir haben dort gelesen und Vorträge über große Schriftsteller gehalten. So sprachen wir zum Beispiel über Schiller, obwohl sich die Sowjetunion zu der Zeit im Krieg mit Deutschland befand.  

Gab es ein besonderes Buch, das dich als Kind sehr beeindruckt hat?
Wir hatten zu Hause sehr viele Bücher und haben permanent neue geschenkt bekommen, weshalb ich auch sehr, sehr viel gelesen habe. Welches Buch mich damals ganz besonders geprägt hat, kann ich garnicht mehr genau sagen. Es gab eine Reihe sowjetischer Jugendromane, die nicht schlecht geschrieben waren.  Überhaupt haben meine Eltern aber immer sehr darauf geachtet, dass ich viel klassische Literatur las. 

Das alte Arbeitszimmer von Wladimir Porudominskij in Moskau. Vorher war es schon das Arbeitszimmer seines Vaters. (© by Daniel Zakharov)

Wie viele Bücher hast du insgesamt geschrieben und wie viele wurden publiziert?
Geschrieben habe ich etwa 50, herausgebracht wurden an die 75 Bücher. 

Wie kommst du auf ein Thema oder zum Material für ein neues Buch? Was inspiriert dich?
Inspiration und Material sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich habe es geliebt, Informationsmaterial für ein Buch zu sammeln und in Archiven zu arbeiten. Zu der Zeit war ich einer der wenigen Biografen, die nicht nur in Bibliotheken, sondern auch in Archiven gearbeitet haben. Das Leben und die Atmosphäre rund um die Bibliotheken habe ich geliebt. Die Historische Bibliothek in Moskau war wie mein zweites Zuhause. 
Die Intention ein Buch zu schreiben hatte bei mir immer einen anderen Ursprung. Nehmen wir das Buch über den Schriftsteller Garschin [1855-1888, russischer Schriftsteller]. Das Thema hat viel mit meiner Kindheit zu tun. Mein Vater hat Garshin sehr geliebt und mir seine Erzählungen und Märchen immer wieder nacherzählt. So verband ich Garshin unweigerlich mit meinem Vater, meiner Kindheit und empfand ihn als einen tollen Autor und als perfekten Menschen.
Dann zum Beispiel das Buch über den bedeutenden Arzt Pirogow [Nikolai Pirogow, 1810-1881, einer der bedeutendsten Chirurgen in der Geschichte der Medizin]. Da meine Eltern Ärzte waren, wollte ich unbedingt über einen Arzt schreiben. Pirogow war in der russischen Medizin die Nr. 1, deshalb war es eine logische Konsequenz, über ihn zu schreiben.

Wie gehst du vor, wenn du ein Thema oder eine Idee für ein neues Buch gefunden hast? 
Meistens fängt man damit an, alles zu lesen, was es zu dem Thema gibt. Das Internet heute ist in dieser Hinsicht natürlich sehr praktisch. Anders als viele Altersgenossen bin ich kein Feind des Internets. 
Als nächsten Schritt erstelle ich einen Plan, wie ich schreiben werde und versuche schon etwas aufs Papier zu bringen. Anhand dieses Plans, der sich oft auch verändert, beginnt man dann weiteres Informationsmaterial zu sammeln. Dann beginnt die  literarische Arbeit dich zu führen. 

Einige Bücher von Wladimir Porudominskij. Rechts das Buch über Erwin Planck (Sohn von Max Planck), das
auch ins Deutsche übersetzt wurde. (© by Daniel Zakharov) 

Wie beginnst du deinen Schreibprozess?
Ich versuche immer ganz vorne anzufangen. Das ist der wichtigste und schwierigste Moment überhaupt, weil der Anfang den Rhythmus für das ganze Werk vorgibt. Der erste Satz ist für den Schriftsteller wie eine Knospe, aus der später das ganze Blatt herauswächst. 

Jeder Kreative durchlebt Momente, in denen nichts zu gelingen scheint. Wie gehst du damit um?
Das sind schreckliche Phasen. Im Moment habe ich eine solche. Aber so ist das mit der Kreativität - um sie zu entfalten, muss eine Kombination von gewissen Faktoren stimmen, wie zum Beispiel das eigene Wohlbefinden oder die Stimmung. Generell hängt viel vom Charakter des Autors ab. 

Wie kommst du aus diesen Phasen wieder raus?
Es geschieht irgendwann von selbst. Man denkt viel über das Ein oder Andere nach und findet irgendwann den Ausweg. 

Welches Buch ist dir deiner Meinung nach am besten gelungen?
Bücher, wie das über Ge [Nikolai Ge, 1831-1894, russischer Maler] oder den Lexikografen Dal [Wladimir Dal, 1801-1872, Autor des umfangreichsten Wörterbuchs der russischen Sprache], wenn wir zwei Biografien nehmen. Dann „Leo Tolstoj und die Medizin“, ein Buch - das leider zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Auch das Buch „Späte Zeit“ über meine Krankheit. 

"Literatur ist eine Art Schule des Lebens."

Du hast dich sehr viel mit Tolstoi beschäftigt und einige Bücher über ihn geschrieben. Warum hat er dich so fasziniert? 
Für mich ist er wie ein Lehrer und ich teile viele seiner Ansichten. Ich finde, dass Tolstoi genial war, er hat viele wesentliche Kernfragen des Lebens und der Welt behandelt, die auch viele Jahrzehnte später immer noch aktuell sind, auch wenn manchen gewisse Dinge in seinen Werken heute vielleicht simpel und naiv erscheinen mögen. Der Gedanke, dass man gegen das Schlechte ankämpfen muss und gleichzeitig immer wieder an sich selbst arbeiten sollte, sind wesentliche Aspekte seiner Geisteshaltung, die ich für sehr richtig halte. Ja, das mag naiv klingen oder nicht umsetzbar. Aber was ist schon machbar? 

Heute wird wenig gelesen. Warum ist Literatur so wichtig?
Menschen lernen zu leben. Wenn sie Romane oder Erzählungen lesen, fesselt sie zum einen die Geschichte, zum anderen vergleichen sie das Gelesene mit ihrem eigenen Leben, projizieren es auf sich. Literatur ist deshalb eine Art Schule des Lebens, die jederzeit zugänglich ist und die Verstand und Emotionen anspricht.

Was war die größte Enttäuschung in deinem Berufsleben?
Eine richtige Krise, bei der ich mit dem Schreiben aufhören wollte, gab es nie. Es gibt aber einige Bücher, bei denen ich heute denke, dass ich sie nicht hätte schreiben sollen, auch wenn sie vielleicht gut angekommen sind. Aber nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil sie mir einfach nicht wirklich wichtig waren. 

Wladimir Porudominskij in seiner Wohnung in Köln-Lindenthal. (2005 | 2011) (© by Daniel Zakharov)

Gab es auch besondere Erfolge, die dir heute noch viel bedeuten?
Jedesmal, wenn ich ein Buch beendet hatte, war es für mich wie ein Triumph. Und es gab einige Erfolge. Dazu zähle ich die Bücher über Ge und Brjullow [Karl Brjullow, 1799-1852, russischer Maler und Architekt]

Was bedeutet dir generell Erfolg?
Nicht viel. Auf der einen Seite bin ich von Erfolg verwöhnt, auf der anderen aber auch nicht. Verwöhnt, weil das, was ich geschrieben habe, im Prinzip vielen Menschen gefallen hat und ich immer sehr viel positives Feedback bekommen habe. Ich wurde aber auch nie in den Himmel gelobt, habe nie massenweise Rezensionen bekommen und auch nie zu den größten Schriftstellern gehört. Ich habe aber das Gefühl, einfach gut gearbeitet zu haben und einen Kreis von guten treuen Lesern gehabt zu haben.  

Du lebst schon 24 Jahre in Köln. Wie bist du hierher gekommen?
Nach Köln gekommen bin ich, weil meine Kinder hier lebten. Dass es ausgerechnet Köln geworden ist, darüber bin ich sehr glücklich. Köln hat mir in allen Bereichen unglaublich viel gegeben und ich habe die Stadt einfach lieben und schätzen gelernt. 

Was gefällt dir an Köln? 
Mir gefällt die Atmosphäre hier, vor allem die offene und freundliche Art, wie die Leute hier miteinander umgehen. Diese Kölsche Art existiert trotz aller Veränderungen auch heute noch. Ich liebe den Dom und die Romanischen Kirchen. Heute gehe ich aber öfter in den Park, am liebsten in den Stadtwald. Früher war ich einen halben Tag unterwegs - bin zum Beispiel zu St. Pantaleon gegangen, zu St. Georg, zu St. Maria Lyskirchen und verweilte dort eine zeitlang. Danach bin ich oft runter zum Rhein spaziert. Diese Spaziergänge durch die Stadt waren damals große Glücksmomente für mich. Auch heute spaziere ich immer noch sehr gern durch Köln. 

Zwei der 12 bekannten romanischen Kirchen in Köln - St. Pantaleon (links) & St. Maria im Kapitol (rechts) (© by Daniel Zakharov)

Gibt es etwas was dir nicht an Köln gefällt?
Mit Augenmaß und sehr vorsichtig würde ich Teile der Architektur verändern, vor allem in der Innenstadt. Anhand der Häuser, die den Krieg überstanden haben, kann man erahnen, wie schön diese Stadt früher war. Leider wurde sie nach dem Krieg mit teilweise sehr unschönen und scheußlichen Gebäuden bebaut. Also denke ich, dass man sich mit Architektur beschäftigen sollte. Köln könnte eine sehr schöne Stadt sein. 

Was war der beste Ratschlag, den du im Leben bekommen hast?
Zuerst wollte ich sagen: „Sei du selbst“. Aber ich denke, dass es nicht ganz richtig ist, weil jeder Mensch auch etwas Schlechtes und Grausames in sich trägt, etwas was man versuchen sollte, aus seinem Leben zu verbannen. Aber auf der anderen Seite hast du in dir auch den wesentlichen Kern, das Gute. 

Welche drei Ratschläge würdest du einem angehenden Schriftsteller geben?
1. Sei mutig.
2. Lass dich nicht dazu verleiten, respektlos zu sein. 
3. Beschäftige dich intensiv mit Sprache / mache dir Gedanken über Sprache. 

Hast du ein konkretes Ziel, das du gerne noch erreichen möchtest?
(Voller Begeisterung) Einfach nur - schreiben, schreiben, schreiben. 

Dies ist eine Kurzfassung des Interviews. Das ausführliche Interview findet ihr hier.