"Der künstlerische Prozess bedeutet für mich eine Art Vorbereitung auf das Sterben."

Ein Interview mit dem Künstler Jan Glisman.

Letztes Jahr beschloss ich, meine Serie „Köln - 86 Veedel“ durch eine Interviewreihe zu ergänzen, bei der ich interessante Persönlichkeiten aus Köln vorstelle. Schnell war mir klar, dass ich auch Jan Glisman interviewen möchte. Jan ist Künstler und gebürtiger Kölner. Er arbeitet mit natürlichen Materialien wie Ton, Gestein oder Gas, nutzt für die Entstehung seiner Werke des Öfteren die Schwerkraft und lässt seine Skulpturen immer wieder bei spektakulären Performances entstehen. 2013 sorgte er in Köln medial für Aufmerksamkeit, als er im Rheinauhafen bei der Performance „Trumpets of Jericho“ eine 2,5 Tonnen schwere, weiche Tonröhre aus 25 Metern Höhe abstürzen ließ, um auf diese Weise seine Skulptur zu kreieren. Im Bunker 101 ließ er über mehrere Wochen in Etappen immense, frei schwebende Steinblöcke wegsprengen und im Vorgebirgspark zuletzt ein Zelt schweben. Mich hat es immer fasziniert, wie akribisch und detailbesessen er seine Aktionen vorbereitet, wie sehr er sein Handwerk beherrscht und wie interdisziplinär er arbeitet, indem er auch Video, Fotografie und Klang für seine Arbeit nutzt. Wenn man mit Jan spricht, spürt man direkt, dass hinter seinem Werk eine eigene Philosophie, eine tief gehende Idee steht. Um mehr über ihn, seine Arbeit und seinen Bezug zu Köln zu erfahren, trafen wir uns Ende November zu einem Gespräch in seinem Atelier in Mülheim.

Du bist in Köln geboren und aufgewachsen. In welchem Veedel bist du groß geworden? Gibt es eine besondere Erinnerung, die du mit dem Veedel verbindest und teilen kannst?
Mein Familienhaus steht im Kölner Stadtteil Weiden. Dort bin ich zusammen mit meiner Schwester aufgewachsen. Wir sind dort auf die Clarenhofschule gegangen. Hier wurde auf dem Schulhof der Lövenicher Karnevalszug vorbereitet. Während wir also in der Pause auf dem Schulhof spielten, bauten die Eltern dort den Karnevalswagen. Wenn der fertig war und die Veedelszüge anstanden, sind wir auf dem Wagen mitgefahren. Manchmal hockten wir aber auch zusammen mit dem Bierfass auf dem Bollerwagen meiner Eltern. Die haben gemütlich Kölsch getrunken und wir Kinder haben Kamelle gefuttert. 

Was war deine erste Berührung mit Kunst?
Als es um die Einschulung ging, gab es zunächst das Problem, dass ich nicht in die Schule wollte. Warum, wusste keiner. Aber ich hatte meinen Eltern richtige Probleme gemacht. Daraus resultierte, dass die mich wieder von der Schule nehmen mussten und in eine Art Vorschule steckten. Diese Vorschule war im benachbarten Veedel Lövenich. Hier war ich mit leicht behinderten Kindern in einer betreuten Klasse untergebracht. Es gab keinen Unterricht, jedes Kind bekam eine spezielle Beschäftigung, damit es sich individuell entwickeln konnte - ich durfte malen. Ein Jahr lang habe ich in dieser Schule hauptsächlich gemalt und wurde dabei betreut. So entstand meine erste Arbeit - ein Buch, das „Die Löwenkinder“ hieß, mit Illustrationen von kleinen Löwen. Einerseits war es für meine Eltern problematisch, dass ich in der Grundschule nicht mitmachen wollte, aber andererseits war es für mich ein fantastisches Privileg, dass ich unter intensiver Betreuung in der Vorschule diesen Beschäftigungen nachgehen durfte. Meiner Meinung nach wurde hier das Fundament für eine autonome Arbeitsweise gelegt, von der ich später als freischaffender Künstler profitierte. Nach diesem Jahr in der Vorschule ging es dann auf der Clarenhofschule, beim zweiten Versuch mich einzuschulen, auch direkt ganz gut los. Zwar war ich ein kleiner Spätzünder, hatte aber direkt viele Freunde, war dem Unterricht und dem Lernstoff gewachsen und wurde auf einmal ganz pflegeleicht.

Warst du schon als Kind künstlerisch begabt und wolltest Künstler werden oder hattest du zunächst andere Träume? Wann wurde dir bewusst, dass du den künstlerischen Weg gehen möchtest?
Ob ich künstlerisch begabt war, das überlasse ich anderen zu beurteilen. Als Kind hatte ich immer das Bedürfnis mich da aufzuhalten, wo niemand ist, bzw. irgendwohin vorzudringen, wo ich etwas herausfinden konnte. Pionierarbeit leisten. Das, was zum Beispiel die Arbeit eines Tauchers ist. Das war mein Kindheitstraum - ich wollte Taucher werden und später Meeresbiologie studieren. Im Urlaub hatte ich mit meinem Vater immer viel Zeit mit dem Tauchen und Schnorcheln verbracht. Das war mein großes Hobby, meine große Leidenschaft, die sich bis heute in meiner künstlerischen Arbeit zeigt. Denn viele Aspekte die beim Tauchen interessant sind, wie zum Beispiel sich in extreme Situationen zu begeben, sich in einer fremden Welt aufzuhalten und dadurch Dinge über sich und die Umwelt herauszufinden, spiegeln sich heute in meinen performativen Arbeiten wieder. Das steckte schon in diesem Kindheitstraum drin.
Der künstlerische Weg war ein Prozess, der nicht von einem Moment auf den anderen passiert ist, sondern viele Jahre gedauert hat. Ich habe früher viel gezeichnet. Im Ferienhaus auf Ibiza und Mallorca, wo ich mit den Eltern immer in den Sommerferien war, habe ich Iron Maiden Postkarten abgezeichnet. Auf diesen Postkarten waren Figuren abgebildet, die mich interessiert und fasziniert haben - „Eddie“, ein Mensch, der keine Haut mehr hat und nur aus Muskeln besteht, zerfetzte Leichen und vor allem der Tod, der von innen hohl war und wie ein Tuch im Nichts schwebte. Diese Motive habe ich immer auf eine ganz präzise Art und Weise abgezeichnet. Meine Eltern haben die Zeichnungen dann gefunden und ich konnte einige Male beobachten, wie sie sich diese mit einer gewissen Faszination, aber auch mit einem gewissen Unbehagen anschauten. So bemerkte ich meine Fähigkeiten, mit dem, was ich tue, in anderen Menschen etwas auszulösen.
Dann begann ich an der Akademie der Bildenden Künste in den Niederlanden zu studieren. Ursprünglich wollte ich als Bühnenbildner beim Film oder im Theater arbeiten. Als ich mich in Maastricht aber nach dem Einführungsjahr für ein Fachgebiet entscheiden musste, wurde mir bewusst, dass dieser Fachbereich für mich nicht mehr in Frage kam. Ich hatte inzwischen viele Leute aus den Bühnenbildner- und Theater-Klassen kennengelernt und hatte festgestellt, dass ich dort nicht wirklich reinpasse, auch wenn viele dort mich sehr faszinierten. Also war ich ab dem Zeitpunkt immer öfter im Fachbereich der freien Kunst in den Ateliers anzutreffen. So beschloss ich einfach dort zu bleiben, wo es mich ohnehin schon die ganze Zeit hinzog.
Zu der Zeit war es mir allerdings noch nicht direkt bewusst, dass ich jahrelang meine Zeit mit etwas verbringe, was in absehbarer Zeit kein Geld bringt. Das wurde mir dann erst einige Jahre nach dem Studium klar. 

Jan Glisman in seinem Atelier in Köln-Mülheim. (© Daniel Zakharov)

Du arbeitest heute viel mit Keramik. Wie hast du dieses Material für dich entdeckt?
In der Akademie wurde der Fachbereich der bildenden Kunst (Fine Arts) mit „autonom“ abgekürzt. Als ich angefangen habe, „autonom“ zu studieren, gehörte dazu auch der Tonunterricht. Es gab dort eine fantastische Tonwerkstatt mit großen Brennöfen. Wir sollten uns Tonblöcke zum Arbeiten kaufen, was mich aber nicht besonders reizte. Ich fand die riesigen Regale im Keller interessant, in denen die ganzen Tonabfälle lagen, die von der Werkstattleiterin am Ende des Jahres weggeschmissen wurden. Das waren zwei, drei Tonnen Material. Sie berichtete mir, dass der Ton gar nicht unbedingt entsorgt werden muss, und so begann ich kurzerhand damit zu arbeiten. Ich trocknete den Ton, zerschlug ihn zu Klumpen und legte ihn dann in Wasser ein. Dann wurde der Schlamm in einer Maschine gemischt und durch verschiedenen Zutaten und Arbeitsabläufe wieder aufbereitet. Diesen ganzen Prozess - den Ton zu zerschlagen, das Geräusch dabei zu hören, ihn zu lagern, den Dreck zu sehen, die Maschine, die ständig kaputt war und repariert werden musste, zu bedienen – fand ich sehr spannend. Das hatte schon diese performativen Züge, die meine Arbeit später angenommen hat. So habe ich angefangen mit Keramik zu arbeiten. Ich begann, mit dem zu arbeiten, was vor meinen Füßen lag: Mit dem Abfall der anderen. Das ist das Naheliegendste, was ein Student machen kann.

Die Natur spielt in deinen Arbeiten eine wesentliche Rolle. Du arbeitest und experimentierst mit Materialien, die du viel in der Natur findest. Welche Verbindung hast du zur Natur?
Interessant, dass du das fragst. Heute gibt es Festplatten, auf denen du deine Daten speicherst. Die Natur macht das ähnlich: Sie schreibt ihre Daten aber nicht auf Festplatten, sondern schreibt ihre Erinnerung und ihre Informationen in Materialien hinein, in molekulare Strukturen. Das heißt, ein natürliches Material ist aufgeladen mit Energie. Grundstoffe dafür sind Elemente wie Wasserstoff oder Helium, die in der Lage sind, ihre Aggregatzustände zu wechseln oder sich auch mit anderen Elementen zu molekularen Strukturen zu verbinden. Daraus entwickeln sich in der Natur durch Raum und Zeit Materialien wie z. B. Naturstein, eine Koralle oder ein Stück Vulkangestein. Das sind alles Materialien, die durch Ihre Struktur und somit durch Ihre Eigenschaften einer menschlichen Persönlichkeit bzw. einem menschlichen Charakter ähneln. Deshalb ist es für mich besonders interessant, damit zu arbeiten. Diese Stoffe sind in der Lage meine Person in eine Skulptur, in eine Aktion, in eine künstlerische Arbeit zu transformieren. Ein Stück Plastik zum Beispiel ist vom Menschen durch einen manipulativen Vorgang geschaffen und ist aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet ein totes Material. Es ist unempfindlich und somit unsensibel für Prozesse, die durch zeitliche und räumliche Diskrepanzen entstehen. Für einen personifizierenden Vorgang in Bezug auf eine künstlerische Arbeit ist es meiner Meinung nach oft ungeeignet.

Die Materialien mit denen Jan Glisman arbeitet, kommen zum großen Teil aus der Natur. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, beide Bilder zeigen keramische Arbeiten. (© Daniel Zakharov)

Mich begeistert, wie du neue Materialien für dich entdeckst und durch das Experimentieren neue Formen findest. Wo findest du diese Materialien und was bewegt dich dann dazu, mit einem speziellen Material zu arbeiten?
Diese Materialien ziehen mich irgendwie von selbst an. Als ich mir zum Beispiel beim Wellenreiten auf Teneriffa die Nase gebrochen hatte, habe ich am Strand gehockt und angefangen, Sand zu sammeln. Dies geschah mit meiner Bankkarte, auf der kein Geld mehr drauf war. Dieser Sand war angereichert mit einem ganz speziellen Mineral, durch welches er magnetische Eigenschaften bekommt. Dieses Mineral kommt z. B. auch als natürliche Einlagerung in den Schnäbeln von bestimmten Vogelarten vor und verleiht diesen damit die Eigenschaft, sich zu orientieren. Diesen Sand zu finden, hatte auch für mich etwas mit Orientierung zu tun. Aufgrund des Unfalls ging es mir schlecht, ich war orientierungslos. Der Sand war in dem Moment eine Art Wegweiser - daran glaube ich fest.
Generell ist mir im Laufe meines Werdegangs aufgefallen, dass es Berufe gibt, in denen Menschen sich berufen fühlen, mit einem bestimmten Material ihr Leben zu verbringen. Das sind Berufe wie der des Schlossers, des Tischlers, des Zimmermanns, des Steinmetzes. Der Schlosser hat einen eigenen, sehr spezifischen Charakter, der Steinmetz ebenfalls. Ich will nicht sagen, dass alle Steinmetze gleich sind, wenn du jedoch einige kennengelernt hast, stellst du fest, dass es gewisse Parallelen gibt. Das ist nicht ohne Grund so - das liegt unter anderem auch am Material. Diese Menschen werden von diesem Material angezogen. Ein Mensch, der mit einem Material arbeitet, weil er es muss, wird das nur eine bestimmte Zeit durchhalten und irgendwann wieder damit aufhören. Er wird im Laufe der Zeit automatisch lieber die Arbeiten ausführen,   die ihm mehr Energie verleiht. Die Energie des Materials funktioniert nach der Energie des Menschen oder der Mensch funktioniert nach der Energie des Materials. Das finde ich interessant und das ist ein guter Ansatzpunkt, mich damit zu beschäftigen. 

Du arbeitest mit großen Tonmassen und schweren Steinblöcken. Welchen Aspekt spielt die gewaltige Größe, das tonnenschwere Gewicht des Materials in deiner Arbeit?
Gewaltig ist relativ, kleine Dinge können auch gewaltig sein. Aber ich finde das Wort Gewicht interessant. Da steckt das Wort „wichtig“ drin, das denselben Wortstamm hat. Je größer die Masse, desto mehr wird sie vom Erdkern angezogen, umso gewichtiger ist sie also. Wenn ich mich auf Prozesse einlasse, in die große Massen involviert sind und die die Erde wieder schnell an ihre Oberfläche zurückhaben will, dann passieren dabei ganz seltsame Dinge: Die Erdanziehung lässt in den Materialien ganz bestimmte Strukturen entstehen. 
Man kann aber auch mit kleinen Gewichten arbeiten, muss den Prozess aber dementsprechend anpassen. Die Gewichtsklassen, innerhalb derer sich diese Art von Arbeiten bewegen, liegen oft zwischen 80 kg und 3 Tonnen.

"Gib die Verantwortung ab und setze alles, was du hast, auf die Karte der `Kraft´!"

Ein sehr wichtiges Element deiner Arbeit ist auch die Schwerkraft. Aus großen Höhen lässt du riesige Tonmassen auf die Erde stürzen. Was hat es damit auf sich?
Es ist halt auch die Frage, weshalb ich selbst Kraft aufbringen sollte als Bildhauer, so wie es ein klassischer Bildhauer mit seinem Meißel tut. Muss ich das überhaupt tun, oder bediene ich mich einfach der Kraft, die schon vorhanden ist? Und das ist die Urkraft, die uns alle auf diesem Planeten hält, nämlich die Erdanziehung. Diese Kraft zu nutzen und damit zu arbeiten, ist für mich das Natürlichste, was es gibt. 

Bewegung, Energie, Zeit und Transformation von Material sind elementare Aspekte deiner Arbeit. Du bereitest deine Aktionen akribisch vor, berechnest jedes Detail. Doch am Ende überlässt du das Ergebnis dem Zufall - einer von dir nicht kontrollierbaren „Kraft“. Warum gibst du letztendlich die Kontrolle über dein Kunstwerk aus der Hand?
Das ist ein zentraler Sachverhalt in meiner Werkstruktur. Dieses Loslassen, die Abgabe der Kontrolle an eine andere Kraft, ist für mich unumgänglich - es ist der nächste, notwendige Schritt. Das menschliche Tun, mit seinem begrenzten Denken und der geringen Vorstellungskraft, kann nur bis zu einem gewissen Punkt kommen. Wenn du weiter vordringen möchtest, solltest du lernen, die Verantwortung auch abzugeben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, Verantwortung abzugeben. Wir alle müssen diese irgendwann abgeben. Dies schon in meinem künstlerischen Prozess zu üben, ist für mich auch eine Art Vorbereitung auf das Sterben, auch wenn ich in diesem Moment leben und nicht sterben möchte. Es ist eine meditative Herangehensweise in Bezug auf den Übergang in das nächste höhere Level. Gib die Verantwortung ab und setze alles, was du hast, auf die Karte der „Kraft“! Das handwerkliche Können, das du dir angeeignet hast, die Vorstellungskraft, das Denken, es ist alles nichts wert, wenn du nicht in der Lage bist, deinen Willen an die „Kraft“ abzugeben - die pure Kraft, die in uns ist und wodurch die Natur sich durch uns zeigt. Das zu schaffen, und das auch gezielt zu tun, ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Dieser Prozess ist mit einer Art Rausch verbunden. Wenn du dich in diese Kraft hineinbegibst, hörst du in dem Moment auf zu existieren. Dadurch entkoppelt sich das eigene Sein ebenfalls von allen Ängsten. Du bist nur noch pure Energie und machst dir um nichts mehr Sorgen. Diese Kraft durchdringt dich und wenn sie zur Wirkung kommt, dann passieren Dinge, die du dir vorher niemals hättest ausdenken können. Christoph Menke hat darüber in seinem Buch „Die Kraft der Kunst“ geschrieben. Diesen rauschhaften Zustand beim Arbeiten mit der „Kraft“, in den ich mich bei meinen performativen Arbeiten hineinbegebe, habe ich durch Zufall entdeckt. In solch einen rauschhaften Zustand, begab ich mich erstmalig durch Zufall im Studium. Damals warfen wir ein Objekt vom Dach der Kunstakademie.

Zuletzt war ich mit meiner Freundin Sarah bei einer Performance von Fabian Knecht am Hamburger Bahnhof in Berlin, bei der jemand vom Gebäude des Museums sprang. Es war die Arbeit eines anderen Künstlers, aber der Rausch kam trotzdem. Ich bin nicht der einzigste, der mit diesen Prozessen arbeitet und das ist auch gut so. Gemeinsamkeit verstärkt die Kraft! 

"Keramische Studien" von Jan Glisman. (© Daniel Zakharov) 

Viele deiner Arbeiten sind groß inszeniert, beziehen Musik und Zuschauer mit ein. Welche Rolle spielt Performance in deiner Arbeit?
Ich werde oft gefragt: „Was ist dir wichtiger - ist es die Skulptur auf der Ausstellung, ist es das Musikstück, das du zusammen mit einer Trompeterin entwickelt hast, sind es die Filmaufnahmen, die bei einer Veranstaltung entstanden sind?“ Meine Inszenierungen werden vom Ablauf her vorher strukturiert. Aber manchmal ist die Situation und die Gegebenheiten so komplex, dass es im Voraus schwierig ist, ein Gefühl dafür zu bekommen, was es letztendlich für einen Eindruck auf den Zuschauer macht und was für eine Atmosphäre kreiert wird. Deshalb überlasse ich es den Rezipienten, zu entscheiden, ob nun die Musik, die Atmosphäre während der Veranstaltung, die Installationen, das Videomaterial oder die Tonaufnahmen am wichtigsten sind. Ich kann das nicht sagen und es steht mir auch gar nicht zu, es zu beurteilen. Manchmal habe ich zum Beispiel bei einer Veranstaltung ein Gefühl, dass etwas nicht so gelaufen ist wie ich es geplant hatte und die Leute sagen dann, dass genau das fantastisch war. 

Deine neuen Arbeiten stehen im Kontrast zu den alten. Sie sind leicht, bestehen nicht aus „natürlichen“ Materialien und trotzen der Schwerkraft. Warum auf einmal diese Wendung?
Einer der Prozesse, mit denen ich mich oft beschäftige, hat mit Gravitation zu tun. Mein Ansatz ist eine Masse, die ich der Gravitation und somit einem energetischen Prozess aussetze. Vor kurzem habe ich angefangen, mit Gas zu arbeiten. Es ist leichter als Luft und bewegt sich deswegen entgegen der Schwerkraft. Ich habe eine Form entwickelt, in der sich das Gas sammelt. Das ist ein ähnlicher Prozess, wie in meinen vorherigen Projekten, mit dem Unterschied, dass es sich nicht zum Erdmittelpunkt hinbewegt, sondern in einem gegenläufigen Prozess davon wegbewegt. Das ist anfänglich eine große Herausforderung gewesen, weil viele Leute fragten: „Was machst du denn jetzt? Hast du nicht Angst, dass dich dann keiner mehr ernst nimmt, wenn du das machst?“ Aber mich genau in diese Situation der Angst hineinzubegeben, dass mich eventuell keiner mehr ernst nimmt, ist für mich interessant. Als ich meine Angst überwunden hatte, wurde mir letztendlich klar, dass ich vorher nichts anderes getan hatte. Über diesen Umweg trotzdem „Zuhause“ anzukommen, ist das magische dabei.  

Das Werk "Sind wir gleich da?", das bei der Kunstaktion "Vorgebirgsparkskulptur 2017" in Köln-Zollstock ausgestellt war. (© Jan Glisman)  

Was war bisher dein größtes Highlight als Künstler?
Das war die Performance „Trumpets of Jericho“, die ich zur Eröffnung des Stromfestivals am Kunsthaus Rhenania in Köln inszenierte. Es war das erste Mal, dass ich das prozesshafte Arbeiten in der Öffentlichkeit aufführte. Vorher hatte ich das nur vor Freunden bzw. Bekannten und Mitarbeitern erprobt. Als ich mit der Kuratorin Maria Wildeis eine Begehung des Ausstellungsortes vornahm, um einen Platz für die Aktion zu finden, standen wir auf einer Dachterrasse des Kunsthauses und haben noch gewitzelt, dass wir die Leute von hier aus ganz gut mit Lehm bewerfen könnten. Letztendlich ist genau das auch passiert, wenn auch auf eine ganz andere und ungeplante Art und Weise. Als die Tonröhre aus der Höhe auf die Erde geprallt ist, ist im Inneren ein Druckpunkt entstanden. Das Material ist in die Mitte geschossen und konnte von dort nur nach oben entweichen. Dadurch ist ein richtiger Vulkan entstanden, der den Ton bis über die Dachkante vom Kunsthaus geschossen hat. Dieser ist dann wiederum in kleinen Brocken auf die Leute langsam herabgeregnet. Die Zuschauer waren danach teilweise echt mit Lehm beschmiert. Glücklicherweise genossen Sie es und die Atmosphäre war am Ende befreiend positiv, überall lag weicher Ton. Es war fast wie ein Wunder.
Nach vielen Ausstellungen gehe ich total kaputt nach Hause und falle erst mal in ein Loch. Als ich nach „Trumpets of Jericho“ Zuhause angekommen war, machte ich den Fernseher an und sah meine Aktion und glückliche Gesichter im Fernsehen beim WDR. Das war für mich völlig neu. Es gab schon mal ein tolles Feedback oder einen Zeitungsbericht, vielleicht eine verkaufte Arbeit, aber dass du nach der Eröffnung nach Hause kommst und es in zahlreichen Medien mehrmals wiederholt wird, das kannte ich nicht. Die aufschlagende Tonröhre wurde in Zeitlupe in vielen Medien gezeigt. Das war für mich schon ein sehr großer Erfolg. Noch Monate danach wurde ich auf die Aktion angesprochen und zeitweise kommt es immer noch vor: „Achso, du warst das?“

Die Performance "Trumpets of Jericho", die 2013 beim Stromfestival in Kölns Rheinauhafen inszeniert wurde. (© Jan Glisman)  

Gab es in deiner Arbeit einen krassen Rückschlag, der dich besonders geprägt hat?
Manchmal kommt mir alles vor wie ein riesiger Rückschlag. (lacht) Aber ein schlimmer war der Tod meines ersten Galeristen Dominik Mühlhaupt, der hier in Mülheim eine kleine Galerie an der Deutz-Mülheimer-Str. hatte. Das war eine wirklich zeitgenössische Galerie. Dominik war kein klassischer Galerist, sondern jemand, der gegen den Strom schwamm. Er wollte uns Künstlern eine Chance gegeben, mit ihm zusammenzuarbeiten. Vom Aussehen hat er mich an meinen Vater erinnert, was für mich total wichtig war. Aber dann war er, wie auch mein Vater, auf einmal tot. Nachdem er seine Wohnungstür einige Zeit nicht geöffnet hatte und sonst nicht aufzufinden war, brachen der Hausmeister zusammen mit einem anderen befreundeten Künstler seine Tür auf. Man konnte ihm nicht mehr helfen. Ich war Zuhause, als der Anruf kam, dass Dominik gestorben ist. Da hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr weitergeht und alles keinen Sinn mehr hat. Ich dachte dann darüber nach, ganz mit Kunst aufzuhören und nur noch als wissenschaftlicher Illustrator zu arbeiten (Wissenschaftliche Illustration hatte ich aus Interesse und als Brotberuf auf der medizinischen Fakultät in Maastricht studiert). Drei oder vier Monate habe ich das durchgehalten und hatte sogar mein Atelier untervermietet. Schnell merkte ich jedoch, dass ich auf keinen Fall Illustrator sein kann und kam zurück. Seitdem habe ich nie wieder einen Gedanken daran verschwendet, etwas anderes zu tun. 

Jeder Kreative durchlebt Phasen, in denen nichts zu gelingen scheint und man überhaupt keine Ideen entwickeln kann. Wie gehst du damit um?
Zur Zeit kommen immer größere Projekte auf mich zu. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass ich es mir nicht leisten kann, Energie zu verlieren, weil die Dinge mit der anfänglichen Idee nicht mehr direkt ersichtlich etwas zu tun haben. Bei solchen Projekten muss ich mich an die Situationen anpassen können. Aber wenn es dann doch zu Problemen kommt, sind das Krisensituationen, in denen ich mit dem Gedanken spiele, alles abzubrechen, weil es nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt hatte. "Der Künstler fühlt sich stets gekränkt, wenn's anders kommt, als wie er denkt.“, sagte Wilhelm Busch. Eigentlich ist die beste Methode, erst einmal loszulassen, sich zu entspannen, mit Menschen zu reden, die einem Nahe stehen und dann einen Plan B zu entwickeln. Ich rede dann viel mit meinem Ziehvater. Er ist Steinmetz und hat mich großgezogen, nachdem mein Vater früh starb. Er ist der erste Anlaufpunkt, wenn ich Probleme habe. Er beruhigt mich, redet mit mir, überlegt was zu tun ist. Ich ziehe mich also in die Werkstatt eines Steinmetzes zurück. 

Das Werk "Sind wir gleich da?", Vorgebirgspark 2017 | Jan und sein Werk "Jericho", 2014. (© Daniel Zakharov) 

Gibt es Künstler, die dich besonders inspiriert haben oder die du einfach besonders schätzt?
Ein wichtiger Künstler in meinem Leben ist mein Studienfreund John Franzen. Was er macht, wie er lebt und ist, sein progressives Denken, haben mich in meinem Tun sehr geprägt. Er hat besondere Fähigkeiten, Dinge und auch Menschen zu beeinflussen. Damals unter anderem auch unsere Professoren, die durch seine Argumentation in einer Diskussion schnell überfordert waren. Oft fragte ich mich dann, ob die Rollenverteilung hier wirklich gerechtfertigt ist. Diesem Menschen bin ich sehr verbunden, auch wenn ich ihn mittlerweile selten sehe. Aber sein Gedankengut schlummert in mir und manchmal beginnt es auch wieder zu lodern. Mit ihm unterwegs zu sein und zu beobachten, wie er mit den Leuten spricht, wie er agiert, wie er sich selbst und seine künstlerische Position vertritt, ausarbeitet und immer weiterentwickelt, ist sehr inspirierend. Ich lerne immer unfassbar viel von ihm, wenn wir Zeit zusammen verbringen. 

Vor allem bei den Künstlern gibt es einen großen Hype um Berlin. Du hast selbst auch viele Städte besucht und bereist. Wie kommt es, dass du in Köln geblieben bist?
Ich arbeite hier, meine Familie ist hier, der Rhein ist hier. Diese Dinge sind mir wichtig. Ja, unter anderem bin ich hier, weil der Rhein hier ist. Ich hatte zwischendurch überlegt meinen Master in London zu machen, aber letztendlich hatte ich hier mein Standbein schon gefestigt. Da ich Bildhauer bin, muss ich mir zweimal überlegen, ob ich meinen Standort ändern will. Mit der Bildhauerei habe ich mir einen Klotz ans Bein gebunden. Sich darauf einzulassen, ist nicht einfach, weil es eine Verantwortung bedeutet und ich schauen muss, wie ich alles organisiere. Skulpturen lassen sich schwierig verkaufen und Installationen zu entwickeln, ist oft aufwendig. Deswegen ist es für mich naheliegend, eine zentrale Location zu haben, der ich treu bleibe und wohin ich immer wieder zurückkehre - und das ist eben Köln. 

Was schätzt du an Köln?
Erstmal die Größe - es ist eine Großstadt, die aber trotzdem sehr übersichtlich ist und viel Natur hat. Das finde ich ganz toll an Köln. Natürlich wie gesagt auch unseren wunderschönen Rhein. Vor allem aber auch die Offenheit der Menschen. Mit der Mentalität der Kölner kann ich mich sehr gut identifizieren. Dass es eine Medienstadt ist, finde ich auch sehr interessant. Ich fühl mich hier einfach Zuhause.

"Der Bürgermeisterin würde ich dringend raten, der Offszene ein Fundament zu geben."

Köln war eine Zeit lang eine der bedeutendsten Kunststädte Europas. Wie empfindest du die Situation diesbezüglich heute?
Ich bin da nicht ganz zufrieden mit. Ich betrachte Köln in dieser Hinsicht aber auch nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem Dreiländereck oder auch mit Münster, Düsseldorf und Frankfurt - Städte, die man schnell erreicht und in denen viel passiert. Deswegen lasse ich mich da nicht beirren, wenn hier nicht ganz so viel los ist wie in Berlin. 

Die Stadt hat 86 Stadtteile. Welches Veedel würdest du hervorheben?
Ehrenfeld, wo ich wohne, finde ich ganz toll. Es wird zwar mittlerweile sehr gehypt, aber es ist für mich immer noch das Größte, im Sommer die Venloerstraße mit dem Fahrrad rauf und runter zu fahren. 

Gibt es einen speziellen Ort in Köln, den du besonders magst?
Der Rhein ist für mich das Wichtigste. Ich bin sehr gern am Rhein, vor allem auf den Poller Wiesen, dem Hafengebiet in Mülheim, dem Bootshaus. Früher war das alles viel ursprünglicher, denn mittlerweile werden die ganzen schönen alten Hafengebiete zu versnobten Vierteln ausgebaut, so wie das im Rheinauhafen passiert ist. Das ist sehr schade. Aber an der Brücke „Katzenbuckel“ und auf der Landzunge in Mühlheim fühl ich mich immer noch sehr wohl.

Am Rhein und in Ehrenfeld fühlt sich Jan am wohlsten. Bild 1: Der Dom und der Rhein fotografiert vom "Katzenbuckel" in Mülheim. | Bild 2: Der Heliosturm - das Wahrzeichen von Ehrenfeld. (© Daniel Zakharov) 

Eine besondere Lokalität in Köln ist…
Schwere Frage. Das Odonien ist eine Lokalität, die ich früher sehr empfehlen konnte. Da habe ich schon Nächte verbracht, wo ich mir gedacht habe: „Das kann nicht Köln sein, das ist zu abgefahren für Köln“. Das war früher eine richtige Subkultur dort - die brennenden Mülltonnen, die Roboter, der Puff gegenüber, die Zuhälter, die davor rumliefen… Das war immer ein spannender Ausflug.  

Was ist für dich typisch kölsch / Köln?
Karneval auf jeden Fall. Karneval finde ich schon toll. Aber ich feiere das nicht mehr klassisch. Eine Zeitlang bin ich an Karneval Techno feiern gegangen. Diese Kombination fand ich sehr interessant. Alle sind verkleidet in die Technoclubs gegangen. An Rosenmontag gibt es sogar einen Technoumzug, der „Pornobalken und Elfenohren“ heißt und von der Universität über den Grüngürtel zum Odonien zieht. Mittlerweile bin ich da aber auch raus gewachsen. Heute finde ich es toll, in Ehrenfeld am Veedelszug rumzustehen, am besten bei herrlichem Sonnenschein und wenn es richtig kalt ist. Und dann halbverkleidet mit Leuten abzuhängen, die eigentlich gar keinen Bock auf Karneval haben. Keinen Bock haben, aber trotzdem mitmachen, ist für mich auch typisch kölsch. 

Was gefällt dir nicht an Köln und was würdest du ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?
Erstes Problem: Wir haben keine Kunstakademie. Das ist ein Problem. Wir haben zwar die KHM, jedoch ist dies eine Medienhochschule. Einen Gegenpol zu Düsseldorf zu schaffen, fände ich wichtig. Außerdem würde ich der Bürgermeisterin dringend raten, der freien Kunstszene ein Fundament zu geben. Aktuell gibt es die Krise am Ebertplatz, wo sich die ganzen Offräume befinden, wie das „Gold und Beton“, das „Bruch und Dallas“, die „Tiefgarage“. Wenn es diese Kunsträume nicht mehr gibt, dann wird ein großer Teil der Kunstszene in Köln keinen Platz mehr haben. Wir haben zwar Orte wie die Simultanhalle und die Fuhrwerkswaage, aber neben den Museen gibt es eben keine Kunsthalle. Sowas brauchen wir auf jeden Fall ganz dringend, wenn wir schon keine Kunstakademie und keine festen Anlaufstellen für die freie Kunstszene haben. 

Jan Glisman in seinem Atelier, 2014 | Jans Werk „Maria ihm schmeckts nicht!“ auf der Gruppenausstellung "Bin überfordert" im Berliner "Freehome". (© Daniel Zakharov) 

Ich bin Fotograf. In der heutigen Zeit sind Fotos allgegenwärtig. Was bedeutet das Medium Fotografie für dich persönlich und wie verwendest du sie?
In der Fotografie arbeitet man mit dem Licht von eben. Es ist das Arbeiten mit der Vergänglichkeit. Deswegen finde ich Fotografie interessant - sie hält uns den Spiegel vor und erinnert uns daran, dass wir alle endlich sind. Dies ist für mich das Grundlegende an Fotografie. Selbst benutze ich Fotografie als Mittel zum Zweck. Sie ist für mich wichtig, weil ich Dokumentieren kann. Ich erschaffe Dokumente aus der Vergangenheit für die Zukunft, um meine Arbeit besser reflektieren zu können. 

Gibt es ein Lebensmotto, nach dem du dich richtest?
Ich hab mir eben das Buch „Die Kraft der Kunst“ von Christoph Menke angeschaut. Da geht es auch um das Urteilen, sich ein Urteil über etwas zu bilden, aber gleichzeitig nicht zu schnell über die Dinge zu urteilen. „Urteil“ ist ein interessantes Wort. Wenn man es trennt und das „T“ großschreibt, dann hat man auf einmal ein „Ur-Teil“. Ein schönes Wort, das meine Herangehensweise, mein Lebensmotto widerspiegelt - Dinge einfach auseinander zu schrauben und wieder anders zusammenzusetzen, also zu transformieren und von mehreren Seiten zu betrachten. Dadurch vielleicht auch aus dem Furchtbaren, aus dem Schlechten etwas Gutes zu machen. Diese Transformation zu vollziehen und den Mut dazu zu haben, ist glaube ich auch die Grundaufgabe des Menschen. Sich also nicht nur ein Urteil zu bilden, sondern sich auch mit Ur-Teilen, wirklich zu beschäftigen. 

Links:
1. Mehr zu Jan Glisman findet ihr unter www.jan-glisman.com
2. Mehr zu meiner Serie "Köln - 86 Veedel"
3. Buchlink: Christoph Menke - Die Kraft der Kunst