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"Tunguska Event - History Marches on a Table" - Wenn Geschichte auf dem Tisch marschiert.

Ein großer, langer weißer Tisch, gedeckt für 30 Leute, in der Mitte eines schönen Raumes der Whitechapel Gallery. Es ist allerdings kein gewöhnlicher Tisch, sondern viel mehr eine Bühne auf der gleich nach und nach die Jahre 1904 bis 1917 an den Zuschauern vorbeiziehen werden. Personifiziert durch Schauspieler, gekleidet in mattgrüne Trenchcoats und Hüte, werden die Jahre chronologisch auf die Bühne treten, um ihre eigene Geschichte zu erzählen und anschließend am anderen Ende im Müllcontainer der Zeit entsorgt zu werden und somit den Platz freizumachen für das anrückende nächste Jahr. Wie das in der Menschheitsgeschichte so ist, werden einige von ihnen dabei vieles zu berichten haben, andere wiederum wortlos an einem vorüberziehen oder mit Lärm und Wucht einschlagen, wie das Tunguska Ereignis in Sibirien im Jahre 1908 (eine oder mehrere gewaltige Explosionen, bei dem auf einer Fläche von über 2000 km etwa 60 Millionen Bäume entwurzelt wurden und deren Ursache bis heute ungeklärt geblieben ist). „Tunguska Event“ ist auch gleichzeitig der Name dieser Performance, die der Künstler und mein Vater Vadim Zakharov für die Whitechapel Gallery kreiert hat und zu der ihn das Buch „Incomplete and Utter History of Classical Music“ des berühmten Britischen Schriftstellers, Regisseurs, Komikers und Schauspielers Stephen Fry inspiriert hat. Die Performance ist ein Blick zurück in die Vergangenheit, auf turbulente Jahre, die viele großartige Dinge, aber auch schreckliche Ereignisse hervorgebracht hatte: zahlreiche Entdeckungen in der Wissenschaft, industrieller und technischer Fortschritt, der erste Fallschirmsprung, die Gründung von Rolls Royce; in der Kultur schufen Leute wie Maurice Ravel, Igor Stravinsky, Gustav Mahler, Marc Chagall, Charlie Chaplin oder Pablo Picasso bedeutende Werke, Marcel Duchamp revolutionierte gar die Kunstwelt, der Dadaismus erblickte die Welt. Aber auch Tod, Schrecken und Leid stehen für diese Zeit - zahlreiche Kriege, Fall und Aufstieg von Herrschern, der Untergang der Titanic, die Oktoberrevolution in Russland oder der Erste Weltkrieg. Ein Zurückschauen in die Vergangenheit schärft die Sinne, lässt einen die Gegenwart reflektieren und über die Zukunft nachdenken.  um dann feststellen, dass der Mensch scheinbar doch nicht so viel gelernt hat. Knapp 100 Jahre später befindet sich die Menschheit wieder am Rande des Wahnsinns. 

Ein halbes Jahr arbeitete mein Vater intensiv an diesem Projekt und investierte Energie, Zeit, Mühe und Kraft, um seine Vision zu realisieren, musste dabei natürlich auch einige Schwierigkeiten und Hindernisse bewältigen, oftmals improvisieren, Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte überstehen. Das, was man eben bei einem schöpferischen Prozesses durchläuft. Ein ganzes Team an Leuten, vom Bühnenbauer, über den Licht- und Soundtechniker, bis hin zu den Schauspielern, Kostümbildnern und Projektleitern half dabei die Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Alles war fokussiert auf zwei Abende. Dementsprechend war die Anspannung kurz vor der Premiere mit Händen zu greifen. Alles sollte glatt gehen und funktionieren. Und zum Glück tat es das auch - die Premiere war umjubelt, den Leuten, die vorher nicht wussten was sie erwartet, die Begeisterung anzumerken und später anzuhören.

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Der Künstler Vadim Zakharov und die Protagonisten von "Tunguska Event"

Für mich persönlich war es der erste Besuch in London, überhaupt der erste auf der Insel und ich fand es großartig nicht als Tourist, sondern für einen Job dorthin zu fahren. So gern ich als Tourist irgendwo hinfahre, am liebsten ist es mir Städtereisen mit der Arbeit zu verknüpfen. Auch wenn man dadurch vielleicht nicht viel Zeit für das Sightseeing hat, so lernt man eine Stadt doch ganz anders kennen, spürt viel besser ihren Rhythmus. Man ist integriert in das Leben der Stadt, hat ein konkretes Ziel, eine konkrete Aufgabe vor Augen und irrt nicht einfach planlos durch die überlaufenen Touristengegenden, sondern erkundet auch ganz andere Ecken. Auf diese Weise habe ich schon mehrere Städte besucht und danach schätzen gelernt. 

Meine Aufgabe in London war es, eine Woche lang das Projekt fotografisch zu begleiten und eine Dokumentation anzufertigen, die man später für vielfältige Zwecke verwenden kann. Solche Aufträge liebe ich, denn man begleitet einen Entstehungsprozess, der sich von einer Idee auf einem Stück Papier, nach und nach in der Wirklichkeit manifestiert. Einen solchen Prozess zu beobachten ist jedes Mal pure Magie, weil er sehr lebendig ist. Es ähnelt dem Leben eines Menschen, der geboren wird, krabbeln lernt, irgendwann aufsteht, zu laufen beginnt, heranwächst, selbstständig wird, Hindernisse überwindet, seinen Höhepunkt erlebt und dann irgendwann wieder aus dieser Welt verschwindet. Von der Geburt bis zum Tod, nur eben komprimiert auf wenige Tage oder Wochen. Und wie bei einem Kind begleitet man jeden Schritt und jede Entwicklung mit, freut sich wenn alles nach Plan läuft, leidet mit wenn Probleme auftauchen, ist stolz wenn alles so klappt, wie es geplant war und ist traurig wenn alles wieder vorbei ist. 

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Meine Wenigkeit bei der Arbeit.

Aber nicht nur für den Urheber eines Projektes ist es ein lebendiger Prozess. Für den Fotografen, der es begleitet, gilt dasselbe. Auch für mich ist es ein ständiges Arbeiten mit dem Material, bei dem man ständig modellieren und nachbessern muss, bei dem man regelmäßig in Erfahrung bringt, was wichtig ist und auch selbst Bildideen einbringt. Man bespricht im Vorfeld zwar vieles und hat ein Gesamtkonzept im Kopf, doch vor Ort kommt es oft anders als man geplant hatte. Es kommen Faktoren hinzu, die man vorher schwer vorausahnen konnte - Verzögerungen, Abänderungen, Schäden, Defekte, Ausfälle, erschwerte Wetterbedingungen oder schlechte Lichtverhältnisse. Deshalb heißt es für mich permanent präsent und konzentriert im Augenblick zu sein, präzise zu beobachten. Nur so kann man Situationen vorausahnen, blitzschnell auf unerwartete Veränderungen reagieren und dann improvisieren, um den richtigen Moment zu erwischen. Durch das Beobachten bekommt man auch ein Gefühl dafür, wie man zu agieren hat, denn man muss sowohl nah dran sein, zugleich aber auch eine gewisse Distanz wahren, kommunizieren aber vor allem auch schweigen und aus dem Hintergrund beobachten, in bestimmten Situationen Präsenz zeigen und manchmal unsichtbar sein. Aber genau das begeistert mich und macht diesen Job auch so liebenswert und spannend. 

Die Zeit fliegt. Die Woche in London ist wie im Flug vergangen und liegt mittlerweile in der Vergangenheit. Was ist geblieben? Definitiv eine großartige Erinnerung in den Köpfen der Leute, die das „Tunguska Event“ gesehen haben. Aber eben auch Bilder - Bilder, die diese Erinnerung wieder lebendig machen und in allen Einzelheiten darüber erzählen. Sie können der Zeit und dem Vergessen trotzen und die Geschichte auch in Zukunft weiter leben lassen. Genau das macht den Wert einer Dokumentation aus. Fotografie lebt und ist wichtig. Das ist eine Genugtuung.

Tunguska Event:
Concept, Scenography, Costume design, Choreography: Vadim Zakharov
Production Manager: Kamal Ackarie
Costumes & Wardrobe: Erin Adair
Casting Advisor: Dusty Limits
Cast: Philip Bedwell (1908: Tunguska), Anthony Best (1916), Harry Boyd (Waiter/Dadaist), Sam Conway (1907/1915), Jia-Yu Corti (Dancer: Chloe), Victor Esses (1904 & First Garbage Man), Philip Gill (1910 & Balaklava Character), Suzy Halstead (Ballerina), David Jones (Second Garbage Man),
Mark Kitto (1904 & Dog at the End), Lloyd Morris (1909 & 1913), Benjamin Murray (1905, 1911 & Petrushka), Roderick O’Grady (1912 & Dog at the beginning), Lee Ravitz (1906 & 1917), Carey Thring (Waiter/Dadaist), Songhay Toldon (Daphnis & Daphnis-Pilot)
V-A-C Foundation: Matilde Biagi, Polina Filimonova, Victoria Mikhelson, Helen Weaver
Whitechapel Gallery: Iwona Blazwick, Dan Eaglesham, Jessica Johnson, Anna Jones, Jenny Lea, Priya Shemar, James Sutton, Sofia Victorino.

Bilder von der Premiere.

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Bilder von den Proben.

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Aufzeichnung der Premiere in London: